Beraten und verkauft

Wir werden wohl keine Freunde mehr: Sozialberatungsstellen und ich. Ich habe inzwischen fünf solcher Beratungen unterschiedlichster Träger kontaktiert. Nicht eine konnte mir auf meine Fragen eine Antwort geben. Und verwies mich an die nächste.

Ich gebe zu: unser Fall ist ein wirklich sehr spezieller. Doch sind Sozialberatungen nicht genau für solche Fälle da? Das dachte ich bisher zumindest. Ich meine, googlen kann ich selbst. Aber vielleicht sind solche Beratungsstellen ja für Menschen gedacht, die nicht googlen können. Sei es, dass sie keinen Computer und Internet haben oder es aus intellektuellen Gründen nicht können.

Inzwischen gehe ich nicht mehr persönlich bei Beratungsstellen vorbei. Ich schildere mein Problem per Mail oder telefonisch. Um erst mal abzuklären, ob sie überhaupt etwas dazu sagen KÖNNEN. Können sie in der Regel nicht.

Ich will wissen, was meinen Kindern und mir zum Leben bleibt, wenn er ins Heim muss. Ob es einen Weg gibt, meine private Rentenversicherung zu retten, in die ich als Freiberuflerin seit fast 20 Jahren einzahle – also lange bevor es die Riesterrente gab, die vorm Zugriff des Sozialamts geschützt ist. Ob es einen Weg gibt, mehr Vermögen als die 3214 Euro zu behalten, die der Staat Verheirateten zugesteht, wenn Hilfe zur Pflege beantragt werden muss. Denn mit der erlaubten Summe kann ich keine Zeiten mit Auftragsflaute oder Krankheit ausgleichen oder einen neuen Rechner kaufen, wenn mein alter schlapp macht. Mit nur 3214 Euro auf der hohen Kante kann ich als Freiberuflerin nicht wirtschaften – schon gar nicht als Alleinverdiener für eine Familie mit zwei Kindern und einer Mietwohnung.

Keiner kann mir das bisher beantworten. Auch zwei Sozialrechtsanwälte nicht, die ich auch schon gefragt habe. Eine Anwältin, die selbst einen dementen Mann hat, sagte zu mir: „Ihr Fall fällt durch alle Raster.“ Na, schönen Dank auch!

Eine Beratungsstelle rechnete mir ungefragt die Hartz-IV-Sätze aus, die mir und den Kindern zustünden, wenn ich aufhörte zu arbeiten. War übrigens ungefähr genauso viel wie ich in Schnitt netto verdiene. Soll ich also aufhören zu arbeiten? Oder was will mir die Beratungsfrau damit sagen? Ich will kein Hartz IV! Ich will weiter arbeiten. Und ich will bitte mein Sparguthaben und meine private Rente behalten dürfen, für die ich seit 20 Jahren arbeite. Wieso soll ich das alles dem Sozialamt in den Rachen werfen? ICH brauche doch keine Pflege. Ich arbeite und ziehe zwei Kinder groß. Und das demnächst ganz allein. Und da will mir der Staat noch meinen Spargroschen wegnehmen? Das ist doch wohl eine Unverschämtheit.

Ein Haus dürfte ich behalten. Ein Auto ebenfalls. Meine Privatrente aber nicht. Das ist doch völlig absurd! Ich besitze kein Wohneigentum und kein Auto, nur mein Erspartes. Also hab ich Pech gehabt, oder wie?

Manche Beratungsstellen DÜRFEN auch nicht beraten. Ein Beispiel (Sozialberatung der neurologischen Klinik):

Ich: „Ich hätte gern einen Beratungstermin. Mein Mann war gestern bei Neurologe Dr. X, der schickt mich zu Ihnen.“

Die Sozialberaterin: „Ist ihr Mann stationär in Behandlung?“

„Er ist gar nicht in Behandlung. Bei seiner Krankheit gibt es nämlich keine.“

„Also nicht stationär? Dann darf ich Sie gar nicht beraten.“

„Der Arzt sagte aber, wir brauchen dringend eine Beratung bei Ihnen. Es ist eine neurodegenerative Krankheit. Und wir haben zwei minderjährige Kinder.“

„Das tut mir leid. Gehen Sie doch mal zum Sozialamt.“

„Genau das will ich vermeiden.“

„Ich kann Sie trotzdem nicht beraten, wenn er nicht stationär ist.“

„Aber vor einem halben Jahr war er stationär zur Diagnose. Eine ganze Woche. Nur hat uns damals kein Arzt gesagt, dass wir Anspruch auf eine Sozialberatung haben.“

„Ja, das passiert leider häufig. Aber da kann ich jetzt nichts machen.“

Nein, wir werden keine Freunde mehr. Die Beratungsindustrie und ich.

3 Gedanken zu “Beraten und verkauft

    • Auch das hat mir keiner der professionellen Berater mitgeteilt. Aber selbst wenn das Schonvermögen auf 10.000 erhöht wird (glaub ich sowieso erst, wenn ich es Schwarz auf Weiß sehe): meine Altersvorsorge wäre dann trotzdem futsch…

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  1. Das Gesetz soll nicht der Realität entsprechen, sondern den Vorurteilen, die man extra geschürt hat, um es einführen zu können ohne sofort aus dem Amt gejagt zu werden. (Hilft vermutlich auch nicht konkret weiter.)
    Wenn es überhaupt konkrete Informationen gibt, die also besser sind als was man auch genausogut selber ergoogeln kann, dann vllt. am ehesten in einem dieser beiden Foren:
    https://www.elo-forum.org/
    http://forum.tacheles-sozialhilfe.de/forum/default.asp
    Dort sind meiner Meinung nach die kompetentesten Leute unterwegs, was nicht heißt, daß jeder einzelne Beitrag von einer kompetenten Person kommt (sind ja noch andere Rat- und Austausch-Suchende unterwegs)

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