Szenen einer Ex-Ehe

Unser Leben ist verrückt, völlig ver-rückt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Eine absurde Situation reiht sich an die nächste. Das Ganze gäbe ein ziemlich gutes Film-Drehbuch. Ich versuche es daher so zu sehen wie Regisseur Woody Allen: „Komödie ist Tragödie plus Zeit.“

Ist es nicht verrückt, wenn ein Nachbar aus dem Haus mich anruft, um mitzuteilen, dass mein dementer Ex bei ihm war und ihm wortlos ein Paket Spielzeug in die Hand gedrückt hat? „Was soll ich damit machen?“ hatte ihn der Nachbar daraufhin gefragt, ein älterer Herr mit Herz und Berliner Schnauze. „Aber er hat überhaupt jar nüscht jesagt.“ Klar hat er nichts gesagt, kann er ja auch nicht mehr.

Noch absurder, dass mein Ex dieses Paket einen Tag später wieder bei meinem Nachbarn abholte. Warum? Weiß keiner. Jedenfalls ist der alte Herr nachhaltig schockiert, dass dieser Mann, den er jahrelang als freundlichen, immer zu einem Schwatz aufgelegten Nachbarn kannte, inzwischen nahezu wort- und emotionslos ist. „Da musste ick mir erst ma setzen, um dit zu fassen“, meinte mein Nachbar sichtlich erschüttert. Tja, setzen und verarbeiten wäre mal eine gute Idee. Ich setze mich schon lange nicht mehr, sondern bin nur noch am Rennen, um die Folgen der Demenz aufzufangen.

Als ich nach der Arbeit meine Kleine vom Hort holen wollte – es war abgesprochen, dass wir die Kleine nur gemeinsam holen – kam er mir schon entgegen. Er hatte wieder versucht, sie allein abzuholen. Sie hatten ihm das Kind aber nicht ausgehändigt – zum Glück! Das war ein kleiner Kampf mit der Schule. Sie hatten mir gesagt, sie MÜSSEN ihm das Kind herausgeben, wenn er das will, schließlich habe er noch das Sorgerecht. Aber sorgen kann er doch gar nicht mehr. Weder für sich und schon gar nicht für eine knapp Siebenjährige. Das wollten sie schriftlich. Habe ich aber nicht. Jedenfalls nicht explizit. Den Arztbrief mit der Diagnose fanden sie nicht ausreichend. Steht ja auch nichts von Sorgerecht drin. Zurücktreten vom Sorgerecht kann er nicht mehr (und würde es auch nicht wollen), denn er ist schon nicht mehr geschäftsfähig. Ich habe nicht das Herz, es ihm gerichtlich entziehen zu lassen. Das würde außerdem lange dauern. Zu lange. Und wäre dann schon nicht mehr aktuell, wenn die Krankheit weiter in diesem Tempo voranschreitet. Demenz und Sorgerecht – noch so ein Thema, bei dem es keine Blaupause gibt. Ich habe der Schule das Versprechen abgenötigt, dass unser Kind nur an ihn herausgegeben wird, wenn eine andere erwachsene Person dabei ist.

Mein Ex-Mann will kommende Woche schon wieder zu Besuch kommen. Dann hat unsere Jüngste Geburtstag und sie wünscht sich, dass er dabei ist. Möglicherweise werde ich also einen Kindergeburtstag mit sieben Siebenjährigen und einem dementen Erwachsenen ausrichten. Ich allein. Denn wenn mein Ex da ist, verschwindet meine große Tochter augenblicklich, die sonst bei der Party helfen würde. Das wird der Horror. Oder eine Tragödie, die vielleicht eines Tages im Rückblick eine Komödie wird.

Ein Gedanke zu “Szenen einer Ex-Ehe

  1. Hallo, eigentlich bräuchtest du für die nächste Woche zwei die dir helfen, einen die auf deinen Mann aufpasst und einen die dir beim Geburtstag hilft. Gibt es keine guten Freunde die einspringen könnten? Ich war erstaunt wer so alles hilft weil die Situation bekannt ist.
    Ich wünsche dir sehr das sich vielleicht jemand findet.

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