Behindert? Nö!

Jetzt haben wir es schriftlich: Mein Mann ist nicht schwerbehindert. Das Berliner LAGeSo findet, dass jemand mit Frontotemporaler Demenz keinen Behindertenausweis braucht, weil er nur ein ganz kleines bisschen behindert ist, aber auf keinen Fall schwerbehindert. Wirklich interessant. Ich wäre sehr froh, wenn mein Mann nur ein bisschen behindert wäre. Ist aber nicht so.

Mein Mann kann seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er kann überhaupt keinen Beruf mehr ausüben. Er darf kein Auto mehr fahren. Er ist nicht in der Lage, auf unsere kleine Tochter aufzupassen. Er kann keine DVD auf dem TV-Gerät abspielen (zwei Geräte, zwei Fernbedienungen, zu kompliziert für ihn). Er kann sich keine Fahrkarte am Automaten oder im Internet kaufen (auch zu kompliziert). Er kann keine Entscheidungen treffen oder Dinge planen. Er kann sich an keinem Gespräch beteiligen. Er spricht nur wenige Worte und so gut wie keine vollständigen Sätze. Er kann nicht mehr alles verstehen, was ihm gesagt wird. Er kann praktisch keine Gefühle mehr zeigen. Empathie erst recht nicht. Er hat so gut wie keinen Kontakt zu anderen Menschen außerhalb der Familie, denn er ist nicht mehr in der Lage soziale Beziehungen zu pflegen. Er kann keine Formulare ausfüllen. Er kann unseren Töchtern keine Entschuldigung für die Schule schreiben. Er kann praktisch gar nichts mehr schreiben. Nicht mal die Namen unserer Kinder, jedenfalls nicht auf Anhieb. Er kann keine Elternabende besuchen – zumindest nicht, wenn ich erfahren möchte, über was dort gesprochen wurde. Denn er kann es weder verstehen noch mir anschließend mitteilen. Er ist völlig apathisch und schwer zu motivieren, überhaupt etwas zu tun. Er zeigt Ausfälle im Sozialverhalten – neulich pinkelte er ins Waschbecken und unsere kleine Tochter stand geschockt daneben.

Aber schwerbehindert ist er deswegen noch lange nicht. Findet das LAGeSo. Wenn ich ein böser Mensch wäre, würde ich dem Sachbearbeiter einen Partner mit FTD wünschen. Zu Lernzwecken. Aber ich bin nett und schreibe einfach nur einen Widerspruch.

Ein Gedanke zu “Behindert? Nö!

  1. liebe Aphasia,
    ja, das kenne ich auch bzw. musste ich schnell lernen. Da müht man sich, die Ratschläge der Fachärzte und Sozialarbeiter umzusetzen und Anträge auszufüllen mit einem Menschen, der keinerlei Krankheitseinsicht haben kann und großes Misstrauen an den Tag legt und schafft es dann tatsächlich, diesen Menschen zu motivieren………da sagt der Hausarzt doch wahrhaftig zu diesem Menschen bei der nächsten Sprechstunde:“Nun lassen Sie sich mal nicht verrückt machen von Ihrer Frau, die sollte nicht so negativ sein, dass tut Ihnen nicht gut. Ich glaube eh nicht, dass Sie sowas haben, was der Professor der Uni Mannheim da schreibt“………….WTF!!!!!….räusper…..das ist ungehäuerlich ignorant und höchst kontraproduktiv zur Verbesserungsmöglichkeit meiner eigenen Lebensqualität als Angehörige.
    Na klar,……bissl schlafen und Ruhe…..bissl Logopä..dingsdabumsda…..dann gehts wieder….gell?

    Gefällt 1 Person

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