Drachensteigen

Mit Papa Drachensteigen gehen – unsere Kleine hat zum Besuch extra ihren Drachen mitgenommen. Doch bevor wir losgehen können, muss ich erst mal seine Wohnung grundreinigen und die Wäsche machen. Er lässt den Pflegedienst nicht mehr rein, erfahre ich später, entsprechend sieht es beim ihm zu Hause aus. Auch er selbst ist sehr ungepflegt. Beim Rasieren muss ich ihm helfen. Er kommt mit dem Apparat nicht mehr klar. Im Kühlschrank sind fast alle Lebensmittel abgelaufen. Wie gut, dass er inzwischen Essen auf Rädern bekommt. Wir tragen viel Müll aus seiner Wohnung.

Als alles erledigt ist, gehen wir zum Hafen. Dort wimmelt es von Touristen. Beherbergungsverbot, Corona, Abstand halten – hier ist nicht viel davon zu merken. Die Leute stehen Schlange vor den Kuttern, die Fischbrötchen und Bier verkaufen. Auch wir wollen einen Imbiss. Als wir mit unseren Bismarck-Brötchen auf einer Mauer sitzen, passiert das, wovor ich immer Angst habe, wenn wir unterwegs sind. Er pinkelt sich ein, bis runter in die Schuhe wird er pitschnass. Er hat eine helle Hose an, bei der man das Maleur deutlich sieht. Es ist kalt, er fängt sofort an zu zittern. Was nun? Der Weg zurück in seine Wohnung ist lang, und wir haben nur eine knappe Stunde bis unser Zug fährt. Mit Drachensteigen wird es jetzt wohl nichts mehr. Doch meine Kleine hat eine Idee. „Mama, frag doch mal in dem Andenkenladen da drüben, ob die eine Hose für Papa haben.“ Das mache ich sofort. Nach längerem Suchen wühlt die hilfsbereite Verkäuferin („Ist er dem Hafenbecken zu nahe gekommen? Haben wir ja öfter.“) eine schwarze Damen-Stretchleggings in XL heraus: „Müsste passen, sonst bringen Sie die einfach gleich wieder her.“

Dann ziehe ich meinem völlig hilflosen Ex-Mann die nasse Hose und die Schuhe aus – alles vor glotzendem Publikum, es gibt leider keine Rückzugsmöglichkeit hier. Es muss jetzt schnell gehen, er friert und in eins der Restaurants mag ich so nicht mit ihm gehen. Mein Ex-Mann scheint völlig paralysiert. Doch als ich ihm die Leggings reiche, schafft er es, sie selbst anzuziehen. Sie passt erstaunlicherweise wie angegossen. Beim Anziehen kichert er wie ein kleines Kind, und die Leute glotzen um so mehr. Ich würde diese völlig unverhohlen starrenden Menschen am liebsten ins Hafenbecken schubsen. Ha, nun seid ihr auch nass! Mein Ex scheint die Blicke nicht zu spüren, aber meine Kleine fühlt sich ganz offensichtlich sehr unwohl.

Kurz danach geben wir ihnen etwas zum Glotzen. Wir lassen auf der Wiese neben dem Hafen unseren Drachen steigen. Ein echter Hingucker.

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