Lachen und Weinen

Achter Geburtstag der Kleinen. Große Vorfreude auf die Geschenke, die Party mit ihren Freundinnen. Schon zwei Wochen vorher fängt sie an die Tage zu zählen. So viel Aufregung, dass ihr zuerst gar nicht auffällt, dass in diesem Jahr etwas anders sein wird. Dass etwas Wichtiges fehlen wird. Doch am Abend vor ihrem großen Tag bemerkt sie es: „Mama, das wird mein erster Geburtstag ohne Papa!“ Ihr demenzkranker Vater ist nicht mehr in der Lage zu reisen. Fahrplan lesen, Zugticket besorgen, das ist längst zu kompliziert für ihn. Zum siebten Geburtstag war es noch möglich gewesen.

Ich hatte große Angst davor, wie sie auf diese Tatsache reagieren würde. Aber dann war es weniger schlimm als befürchtet. Ja, sie war traurig, sie hat geweint. Doch schon kurz darauf hat sie sich wieder auf den Geburtstag gefreut. Papa hat es dann sogar geschafft, an ihren Geburtstag zu denken und auch ein Geschenk zu schicken. Hatte er Hilfe? Vielleicht. Als ich die Kleine nach der Party ins Bett bringe, sagt sie: „Mama, das war mein schönster Geburtstag ohne Papa.“ Wieder flossen ein paar Tränen. Die Trauer ist immer mit an Bord bei uns, auch wenn wir uns freuen.

Bei mir ist sie nur verdrängt, wie ich jetzt wieder gemerkt habe. Eine Nachbarin, die ich sehr selten sehe, sprach mich gestern auf unserem Hinterhof an: „Sag mal, wo ist eigentlich dein Mann? Ich habe da so komische Geschichten gehört.“ Ich erklärte ihr kurz, was los ist. Sie war sichtlich erschüttert und meinte: „Er war so ein attraktiver und sympathischer Mann. Ihr wart doch so ein schönes Paar. Das ist furchtbar traurig.“ In dem Moment konnte ich sie wieder fühlen, die Trauer. Trauer über die Zerstörung, die die Demenz angerichtet hat, bei ihm, bei den Kindern und unserer Beziehung. Im Alltag weigere ich mich, dieses Grauen zu fühlen. Sonst könnte ich meinen Alltag nicht schaffen, nicht arbeiten, mich nicht um die Kinder kümmern. Es ist die einzige Chance weiter zu leben und zu funktionieren.

Das Verdrängen ist ein Schutzwall, den ich in den vergangenen fünf bis sechs Jahren – so lange ist er vermutlich schon krank – aufgebaut habe. Über die Jahre ist der Schutzwall zu einem gewaltigen Bollwerk geworden. Vor allem meine neue Beziehung und meine neue Arbeit – beide habe ich seit zwei Jahren – sind die Grundpfeiler dieses Schutzwalls. In beide habe ich mich mit letzter Kraft gestürzt, wie ein Ertrinkender in ein Rettungsboot.

Oft merke ich gar nicht mehr, dass auch ich wie meine Töchter voller Trauer bin.

Ein Gedanke zu “Lachen und Weinen

  1. Verdrängen und ignorieren. Ja, dass ist es!
    Wir verdrängen nicht die Krankheit, denn das geht ja nicht.
    Aber Du hast Recht, man verdrängt vollkommen die Trauer darüber.
    Ich hatte heute mein Erstgespräch beim Psychologen und ich sagte, ich fühle mich merkwürdig
    teilnahmslos. So als wäre es gar nicht mein Mann, der erkrankt ist. Ich funktioniere einfach.
    Dabei bin ich nicht abgestumpft. Ich kann beispielsweise leidenschaftlich über den Tod meines
    geliebten Vaters trauern. Auch unsere Tochter weint in der Hauptsache um den Tod unserer Hasen, der aber schon drei Jahre zurückliegt.
    Nur über die Krankheit von Papa weint niemand. Papa selber nicht, ich nicht und unser Kind nicht.
    Das kann nicht gesund sein. Aber ich weigere mich gegen die Trauer. Da ist so viel, das ich tragen muss und aufrechterhalten.
    Nur manchmal, wenn das alte Gefühl der Liebe aufflackert durch einen plötzlichen Trigger, dann
    weine ich. Aber nur kurz, denn ich kann das Gefühl mit niemandem teilen und auskosten.
    Mein Mann selber fragt dann immer erstaunt :“warum weinst Du? denke nicht immer so schlecht, es geht mir doch gut und bald bin ich wieder gesund“…..selbst, wenn er wenige Minuten vorher die Rinder auf der Weide als „Braunbären“ bezeichnet hat und das total normal findet.
    Ich schreibe Dir bald mal wieder mehr, es geht momentan alles drunter und drüber.
    Du kennst das ja.
    Ich drück Dich
    Tanja

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