Flashback

Wieder ein Flashback. Ganz plötzlich werde ich aus meinem wohlorganisierten Alltag gerissen und bin wieder ganz in der Vergangenheit. In der Vergangenheit mit ihm, meinem FTD-Mann, der längst nicht mehr mein Mann ist. Der trotz Trennung, Scheidung, trotz der Krankheit, die ihn mir geklaut hat, immer noch da ist. Irgendwo verschüttet, tief vergraben in meinem Herz. Meinem zerrissenen Herz.

Ich bin in einem Einkaufszentrum. Ich bin nicht wegen der Geschäfte da, denn ich hasse Malls. Je größer, desto mehr grusele ich mich vor ihnen. Ich bin da wegen Tango. Kaum zu glauben, dass an so einem hässlichen Ort etwas so Schönes stattfindet. Aber tatsächlich kann man hier Tango tanzen, umsonst und fast draußen. Weil ich gleich nach der Arbeit hergekommen bin, laufe ich durch dieses unglaublich große Einkaufzentrum, um die Zeit zu überbrücken bis der Tango anfängt. Da sehe ich plötzlich einen Shop, in dem man Kuscheltiere kaufen kann. Einen Shop, den es in vielen großen Malls gibt, die Filiale einer großen amerikanischen Kette. Sofort sind die Bilder da: Er und unsere Große, die damals noch sehr klein war, und ich. Wir sind in einer dieser Filialen. Die kleine Große sucht sich einen Teddy aus – meine Kinder lieben Teddys über alles, viel mehr als alle anderen Kuscheltiere und Puppen – und er kauft ihr ihren Wunschbären. Ich sehe die Szene vor meinem inneren Auge, als ob sie gerade jetzt ablaufen würde. Er hält den Moment mit seiner Kamera fest, die Freude unserer Tochter, damals etwa sechs Jahre alt. Er, damals gesund, ein Fotograf, gut im Geschäft, und ein liebevoller Vater. Die kleine Große strahlt über das ganze Gesicht und drückt den neuen Teddy an sich. Ich habe die Szene offenbar auch festgehalten, irgendwo in meinem Kopf und in meinem Herzen.

Für einen Moment katapultiert mich diese längst vergessen geglaubte Erinnerung aus meinem Alltag, aus dieser Mall, zurück in eine glückliche Vergangenheit. Und eine Welle des Schmerzes durchflutet mich.

Kurze Zeit später ziehe ich an der Tanzfläche meine Tanzschuhe an. Ich höre die Takte des ersten Tangos. Ein Klassiker, ganz nach meinem Geschmack. Die Musik mischt sich mit meinem Schmerz. Bei den ersten Schritten begleitet er mich noch. Doch bald sind die Musik und die Bewegung stärker. Sie verwandeln meinen Schmerz in Schönheit. Weh tut es trotzdem noch.

3 Gedanken zu “Flashback

  1. Es wird immer wieder weh tun, bis der Partner nicht mehr da ist. Dann wird es zu Wehmut – jedenfalls war es so bei mir.
    Pass auf Dich und Dein zerrissenes Herz auf.
    Birdie

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  2. Liebe Aphasia,
    Gott, wie ich diese Anrede mittlerweile hasse, weil Aphasie darin vorkommt.
    Wie barmherzig ist die Amnesie. Aber das Vergessen funktioniert evolutionsbedingt nur mit den schönen Dingen. Unser Geist klebt an Negativerfahrungen, weil sie uns vor tausenden Jahren das Leben retten konnten. Dagegen kommen schöne Erinnerungen völlig ungefragt und unpassend zu Zeitpunkten, in denen wir dann trotzdem leiden.
    Wehmut : das ist dann sozusagen die nächste Stufe. Sich mit Mut bewusst dem süßen Schmerz der sehnsuchtsvollen Erinnerung hinzugeben..
    Davon bin auch ich weit entfernt. Ich versuche zu vergessen, wie und wer mein Mann war, was er heute noch sagte und morgen vielleicht nicht mehr.
    Seit gestern steht es fest : es ist FTD / semantische Form. Die „milde“ Variante der FTD. Bitte sehr, darf ich lachen? Mild?
    Heute dachte ich zum ersten Mal : ach was wäre das Schweigen einfach. Keine Beleidigungen, kein distanzloses Angelaber, keine peinlichen Witzeleien, Perseverationen……..oh dieses Wort hasse ich auch, klingt es doch schon nervtötend nach dem, was ständiges Wiederholen von Floskeln ist, und natürlich die gern benutzten „Paraphrasien“ , gekrönt und garniert wie mit Puderzucker………, na?…….. richtig……. die Wortfindungsstörungen, gepaart mit weitschweifig gestalteten Umschreibungen, dass man so gar nicht weiß , worüber man eigentlich spricht. Schick! Und mild!Unbedingt!
    Nachdem nun festgestellt wurde, dass mein Mann nicht mehr Auto und Motorrad fahren darf geht es jetzt ans Eingemachte. Nun kommt eine neue
    Verhaltensauffälligkeiten zu Tage, die bei FTD wohl nur MIT Sprache geht.
    Man nehme eine Person mit sehr eingeschränkter Moral, niedriger Hemmung, ausgeprägtem Egoismus und Selbstüberschätzung bei fehlender Gefahreneinschätzung. Heraus kommt……….dreiste und schuldfreie Verlogenheit.
    Ja , heute hab ich mir fast gewünscht, er könnt nicht reden. Oder ich hätte Amnesie. Aber nö……..er lügt und ich werde auch damit klarkommen müssen.

    Ich bekomme das gar nicht mehr überein in meinem Kopf, dass der Mann von Früher jetzt dieses Wesen ist, was mich kalt lächelnd zum Eigennutz anlügt.
    Das mit der Wehmut krieg ich nicht hin. Mein Kopf will das nicht, obwohl ich es versuche. Ich schaue mir sogar Bilder an. Und ich fühle……nichts.
    Nur wenn ich singe, wie neulich auf einer Hochzeit. Plötzlich war die Liebe wieder da, irrsinniger Weise für meinen FTD Mann. Als würde ich den „alten“ Mann gar nicht mehr lieben. Tatsächlich, trotz all der Defizite, liebe ich meinen kranken Mann. Er kann nichts dafür, aber herrgott, manchmal sollte er „die Klappe“ halten. Das Lügen heute war echt eine harte Nuss.
    Das Singen wird mir auch darüber helfen so wie Dir das Tanzen.
    In unserer Innenstadt haben heute ein paar Msiker einen Tango gespielt und ich hab an Dich gedacht und gelächelt.
    Ein tanzender Delphin😊
    Pass auf den kleinen Biber auf und den Marienkäfer.
    Ganz viel Kraft und Licht im Dunkel
    Tanja

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    • Liebe Tanja,
      es fällt mir schwer auf deinen Kommentar zu antworten. Trösten kann ich nicht, denn ich weiß ja, wie es ist in deiner Haut zu stecken. Und ich erinnere mich noch sehr genau, wie es bei uns direkt nach der Diagnose war. Die Gefühle waren ganz ähnlich wie jetzt bei dir: Ich liebe ihn trotz allem. Genauso habe ich damals auch empfunden. Das ist jetzt fast drei Jahre her. Von der Liebe ist nicht mehr mehr viel geblieben. Oder sie hat sich in etwas anderes verwandelt. Etwas ist noch da, aber es ist ganz anders. Es gibt auf vielen Ebenen keine Verbindung mehr. Das liegt nicht nur an der nahezu fehlenden Sprache (keine Sprache ist auch schlimm, sehr sogar). Er lebt in seiner Welt, zu der ich und die Kinder so gut wie keinen Zugang haben.

      Und die Bezeichnung „mild“ für irgendeine der FTD-Varianten ist doch wohl der blanke Hohn. Mild ist da sicher gar nichts. Sollte man dem Arzt mal erklären.

      Ich wünsche dir auch ganz viel Licht im Dunkel – wie gut, dass du das Singen hast.

      Liebe Grüße, ich drück dich!

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