Meine Grenze

Gespräch mit dem Klassenlehrer. Meine Kleine muss das Schuljahr wiederholen. Das steht schon jetzt fest. Sie kann nicht gut genug schreiben, lesen, rechnen. Sie ist oft gar nicht ganz da, meint der Lehrer. Was sie heute gehört hat, ist schon morgen vergessen. Jeden Tag fängt der Lehrer neu an bei ihr. Es liegt nicht an ihrer Intelligenz, beruhigt der Lehrer. Der Lernstoff findet einfach keinen Platz in ihrem Kopf. Da ist etwas anderes, das sie sehr beschäftigt. Tja, was wohl?

Meinem Kind fehlt der Papa. Der Vater, der weit weg von uns an der Küste lebt und langsam, ganz langsam an der FTD zugrunde geht. Sehr langsam, aber stetig. Ein regelmäßiger Kontakt ist nicht mehr möglich, allein schon seiner schwindenden Sprachfähigkeiten wegen. Er kann kaum noch kommunizieren. Wie soll eine Siebenjährige verstehen, dass ihr geliebter Papa praktisch nicht mehr mit ihr sprechen kann? Wie soll sie verstehen, dass er sie trotzdem lieb hat? Kann er überhaupt noch lieben?

Ich dachte, ich habe alles im Griff, alles irgendwie unter Kontrolle. Nein, das habe ich überhaupt nicht. Ich bin nicht in der Lage, sie zu trösten. Mit ihr über den Verlust ihres Papas zu sprechen. Darüber wird in meiner kleinen Rest-Familie nie gesprochen. Wir können nicht darüber reden. Ich kann mir nicht mal alte Fotos von unserer Familie anschauen. Das schaffe ich immer noch nicht. Ich habe den Verlust selbst in keiner Weise verarbeitet. Nur verdrängt. Damit ich den Alltag bewältigen kann. Damit ich arbeiten und die Kinder versorgen kann. Versorgen, viel mehr ist nicht drin. Meine Kraft ist erschöpft. Das ist meine Grenze. Die ich hoffe, irgendwann überschreiten zu können. Meine Kleine braucht das. Das war mir bisher nicht so klar. Bis zu diesem Gespräch mit ihrem Klassenlehrer.

9 Gedanken zu “Meine Grenze

  1. Liebe Aphasia, das ist eine sehr schwere Zeit.
    Als mein Vater nicht mehr sprechen konnte, haben wir uns mit Blicken verständigt. Zumindest habe ich immer gedacht, er versteht mich. Es gibt so viele Möglichkeiten der nonverbalen Kommunikation. Ich habe es als eine ganz wichtige Zeit empfunden mit ihm jede verfügbare Zeit zu verbringen. Er war die letzten 2 Jahre in einem Heim in Berlin mit sehr guter Betreuung. Seinen Enkel, der noch klein war brachte ich oft mit, ich glaube schon, dass er etwas empfunden hat für ihn, das spürt man einfach.
    Ganz viel Kraft für sie und ihre Kinder.

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  2. Liebe Aphasia,
    mein Mann bekam die „fast“ gesicherte Diagnose FTD im August 2018. Er ist noch selbständig
    und geht seiner Arbeit nach, jedoch hat auch er sich inzwischen deutlich verändert und die wiederkehrenden Normenüberschreitungen fallen inzwischen auch unserer kleinen Tochter
    auf. Sie wurde ebenfalls im Sommer 2018 eingeschult, kommt im Unterricht gut mit, ist aber auch oft unkonzentriert und dünnhäutig, klagt oft über Bauchschmerzen und ist sehr auf mich fixiert.
    Kinder haben feine Sensoren dafür, wenn etwas „nicht stimmt“ und neigen dazu, es mit sich selbst auszumachen, bei sich selbst die Schuld zu suchen, wenn ein Elternteil „komisch“ ist. Sie holt sich immer wieder die Bestätigung für Ihre Empfindungen und ich habe begonnen, Ihr beizupflichten, indem ich Ihr sage :“Du fühlst das richtig, Papa hat nicht Recht, hat sich nicht gut benommen oder hat etwas Verbotenes gemacht“, was im Normalfall ja eigentlich ein NoGo wäre. Ich erkläre Ihr aber auch, dass Papa das macht, weil er krank ist. Das rückt Ihr Weltbild ein Stück zurecht und gibt ihr Sicherheit.
    Allerdings werde ich eventuell einen Kinderpsychologen hinzuziehen müssen, denn mir ist klar, dass die Verhaltensauffälligkeiten meines Mannes zunehmen und es schwerer wird. Wie lange ich es tragen kann, weiß ich nicht. Momentan geht es bei uns wieder ganz gut.
    Ich wünsche Dir alles Gute, werde Deinem Blog weiter folgen und bin froh, dass Du Deine wertvollen Erfahrungen öffentlich machst und Deine Gedanken teilst.
    Herzlichst grüßt eine „andere“ Frau eines „anderen erkrankten“ Mannes

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    • Meine Kleine ist schon in der 2. Klasse. Ich werde auch psychologische Hilfe für sie suchen müssen. Das empfiehlt auch ihr Lehrer. Ich wünsche dir, dass die Situation noch lange stabil bleibt und ihr weiter zusammenleben könnt. Bei uns ging es leider ziemlich schnell bergab. Liebe Grüße zurück

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  3. Hallo Apasia,Ich verfolge ihre Berichte seit dem ersten Tag glaube ich habe diese immer sehr gerne gelesen weil sie mir immer wie aus der Seele geschrieben haben. Habe mit verfolgt wie sie sich von ihrem Mann trennen mussten und ihn ein Heim geben mussten das war eine schwere Zeit für sie. Es tut mir auch sehr leid für ihre Kinder. Mein Mann ist immer noch zuhause.Aber ich weiß nicht Wie lange ich es noch ertragen kann. Ich fühle mich völlig ausgebrannt habe wahnsinnige Schmerzen mit meinem Trigeminusnerv. Kein Arzt kann mir helfen außer wahnsinnig starke Tabletten die nur teilweise Hilfen habe mich natürlich auch extrem beeinträchtigen. Ich war jetzt bei einer einer alternativen Heilerin die meinte ich hätte durch die vielen Jahre einfach ein Trauma. Naja naja aber das hilft mir alles nichts es muss ja weitergehen irgendwie muss mein Mann ja versorgt sein .Da habe ich mit dieser Heilerin darüber gesprochen die meinte auch dass Kinder sehr sehr gefährdet sind weil sie immer die Schuld bei sich selber suchen also ist es sicher gut wenn du mit deinen Kindern zu einer Therapeutin gehst um Ihnen dabei zu helfen. Ich wünsche dir viel Kraft viel Erfolg dass deine Kinder wieder auf den richtigen Weg kommen.

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