Hilfe durch Penetranz

Ich kann es noch kaum fassen, aber ich bekomme tatsächlich endlich Hilfe. Nachdem ich erneut beim Jugendamt vorgesprochen habe, wird jetzt ein Hilfeplan erarbeitet. Ab Januar wird meine Kleine zunächst für eineinhalb Jahre zweimal die Woche von einer Einzelfallhelferin betreut. Der Hilfeplan hat zum Ziel, meine kleine Tochter zu stärken und zu unterstützen. Sie ist es, die zurzeit am meisten unter den Auswirkungen der FTD leidet. In der Schule kann sie sich kaum konzentrieren. Sie verschusselt ständig ihre Sachen. Hefte, Bücher, Stifte, Kleidung verschwinden – gestern kam sie mit nur einem Schuh nach Hause. Wie schafft man es nur, auf dem Schulhof einen Schuh zu verlieren und nicht wiederzufinden? Meine Kleine ist mit ihren Gedanken offenbar sehr häufig ganz woanders.

In der Schule hat sie Föderunterterricht in Mathe und in Deutsch, sie hängt überall hinterher. Der Lehrer hat mich schon darauf vorbereitet, dass sie die zweite Klasse wohl wiederholen wird. Ich frage mich nur: Was soll das bringen? Wenn die Situation mit ihrem demenzkranken Vater der Grund für ihre Unkonzentriertheit ist, was soll dann in einem Jahr besser sein? Es wird ja dann noch weniger Papa geben, weil er weiter abbaut. Seit Wochen hat er uns nicht mehr angerufen. Er geht kaum ans Telefon, wenn ich es selbst versuche. Offenbar wünscht er keinen Kontakt zu uns. Und wenn man ihn mal erwischt, ist keine Unterhaltung möglich. Wir sind für ihn nicht mehr wichtig. Meine Kleine muss da durch. Und wir mit ihr. Dafür brauche ich die Hilfe vom Jugendamt. Meine Nerven reichen nicht mehr aus, um ihr Leid aufzufangen.

Die zugesagte Hilfe habe ich aber aus einem anderen Grund bekommen: Aufgrund von Penetranz. Ich habe dem Amt in einem ausführlichen Brief unsere Situation geschildert und ihn in dreifacher Ausfertigung verschickt: als Briefpost, als E-Mail und als Fax. Den Tipp hat mir ein befreundeter Sozialarbeiter gegeben: Immer alles dreifach schicken, dann haben sie es dreifach auf dem Tisch und können es nicht ignorieren. Das hat tatsächlich geklappt. Schon einem Tag später rief mich die Dame vom Jugendamt an. Bei meinem ersten Versuch vor einem Jahr, hatte sich das Amt keinen Millimeter bewegt, nur eine Akte angelegt.

Es ist leider so: Nicht der bekommt Hilfe, der sie am dringendsten braucht, sondern der, der am lautesten schreit. Darum habe ich begonnen zu schreien. Mich wimmelt so schnell kein Sachbearbeiter mehr ab.

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