Demenz, du alte Bratze

Es wird Zeit für eine Abrechnung. Ich bin fertig mit dir Demenz, du alte Bratze. Du bist das allerletzte, das hinterhältigste, das gemeinste, was mir je untergekommen ist. Du hast meine Familie zerstört. Mir den Mann gestohlen, meinen Kindern den Vater. Was willst du noch von uns? Hau endlich ab! Du hast doch schon alles kaputt gemacht.

Aber du lässt einfach nicht locker. Willst, dass wir leiden. Lange leiden. Jahrelang. Vielleicht jahrzehntelang. Jeden Tag verschwindet ein Stück mehr vom Mann, vom Vater. In kleinen gemeinen Häppchen.

Um das auszuhalten, belügen wir uns selbst. „Papa spricht eine Geheimsprache. Die kann nur ich verstehen“, sagt mein kleines Kind. Die Wahrheit ist, niemand kann ihn inzwischen mehr verstehen. Die Kleine schützt sich und ihn mit ihrer zärtlichen Lüge. „Ich brauche keinen Papa, hab ich auch nie gebraucht“, sagt das große Kind schroff – eine Lüge, die ihm später einmal heftig auf die Füße fallen wird. Aber noch hilft die Lüge. „Ich komme mit der Situation gut klar, denn ich bin emotional raus“, sage ich. Auch das eine glatte Lüge. Ja Demenz, du machst uns alle zu unglücklichen Lügnern.

Du hast schon so viel genommen: seine Sprache, sein sanftes Wesen, seine Empathie, seinen Charme, seine Vaterrolle, die Fähigkeit, gut mit Menschen umzugehen. Seine Würde. Unsere Liebe. Dann nimm ihn doch endlich ganz! Darauf läuft es doch sowieso hinaus.

Das Wochenende mit ihm war hart. Eine Achterbahnfahrt vom Feinsten. Denn die Lügen funktionierten nicht gut in seiner Anwesenheit. Kein Wunder, dass mein großes Kind sofort abtauchte. Am Ende heulten drei: er, das kleine Kind und ich. Die Lügen schützen nur auf Abstand. Ja Demenz, du hast es mal wieder geschafft, uns noch ein Stückchen mehr kaputt zu machen. Nein, ich bin noch lange nicht fertig mit dir, Demenz, du alte Bratze.

Let go of your heart

Let go of your head

And feel it now

4 Gedanken zu “Demenz, du alte Bratze

  1. Für Außenstehende ist das alles schwer zu erfassen. Meine Frau hatte Anfang Mai einen Fahrradunfall mit einer leichten Hirnblutung, das hat der Demenz noch mal einen richtigen Schub gegeben. Seitdem war sie nur noch in Kliniken, die letzten 8 Wochen davon in geschlossen Psychiatrischen Abteilungen. Heute werden wir sie in ein Pflegeheim für Demenzkranke verlegen. Meine Tochter sagt zwar auch sie hätte damit abgeschlossen, aber das glaube ich einer Vierzehn-jährigen nicht – das kommt später noch einmal zurück.
    Ich wünsche die viel Kraft und das es für euch auch mal wieder schöne Zeiten Gefühle gibt.

    Gefällt 1 Person

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