Papa-Wochenende an der See

Sie kümmern sich nicht. Es kommt kein Pflegedienst, wie abgesprochen. Die Geschwistern besuchen ihn nicht regelmäßig. Auch nach drei Monaten in der eigenen Wohnung hat ihm immer noch niemand geholfen, den Fernseher anzuschließen. Im Bad gibt es nicht mal Seife. Eier brät er ohne Fett in der Pfanne. Die Wohnung ist ungepflegt – er auch. Die Vorstellung, dass der Umzug in die alte Heimat alles besser macht, kann ich wohl als Wunschdenken abhaken.

Ich habe trotzdem die Kleine bei ihm gelassen. Sie sollte ihr Papa-Wochenende haben. Gegangen bin ich aber erst, nachdem ich meine Handynummer in sein Telefon unter „Mama“ eingespeichert hatte. Ich war ja nur ein paar Straßen entfernt in einer Ferienwohnung. Sie sollte sich melden, wenn die beiden Hilfe brauchten. Und das tat sie. Die Kleine rief fast im Stundentakt an. Denn leider kann Papa nicht mehr einschreiten bei kleinen Wehwehchen oder einer Zecke, die sich nach dem Waldspaziergang am Hals findet. Dafür kann er die Kleine prima mit Süßem, Chips und Fruchtsaft vollstopfen bis sie Bauchweh und Durchfall bekommt.

Was hatte ich eigentlich erwartet? Dass die gute Seeluft die FTD aus seinem Hirn vertreibt? Dass das Leben in der Stadt seiner Kindheit seinen Kopf ordnet, ihm wieder Orientierung im Alltag gibt? Mein Gott, wie naiv! Die FTD schreitet auch auf der schönen Insel voran. Unerbittlich. Jeden Tag ein wenig mehr.

Ein Papa-Wochenende in dieser Form wird es nicht noch einmal geben. Und auch seine Situation kann so nicht bleiben. Ich bin gespannt, ob die Behörden an seinem neuen alten Wohnort schneller arbeiten als in Berlin.

Fenster zur See

Ein Fenster zur See – aber trotzdem keine schöne Aussicht

3 Gedanken zu “Papa-Wochenende an der See

  1. wieso wird hier der Zustand bejammert,
    ich verstehe das ganze nicht…

    selbst Versorge und Pflege meine Frau mit Pflegegrad 5 seit 2011
    und es gelingt mir, ab und zu mit der Zeit der Verh,& Kurzzeitpflege geneinsam mit meiner Frau das zu nutzen, Sie im Heim und ich in der nähe in Pension, ergibt ca 5 Wochen im Jahr, aber solches jammern wie es hier geschieht, verstehe ich nicht,

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  2. Müssen wir hier nicht verschiedene Aspekte näher ansehen: junge Frau mit kleinen Kindern, die die ganze Familie durchbringen muss, und nicht weiss, wie sie einen Heimplatz auch noch finanzieren sollte (und noch mehr als die Hälfte ihres Lebens vor sich hat) – und ein ev ein bisschen älteres Ehepaar, wo sich eine Person um die andere kümmern kann (ev Frührente, natürlich auch mit Leistungseinbusse), und die sich aufopfert? Wir haben zwar keine Kinder, wir hatten noch vier glückliche Jahre zusammen, aber dann musste ich ihn ins Heim bringen (von einem Tag auf den andern bettlägerig, etc (BESA 11 in der Schweiz, max BESA Stufe ist 12)) – um weiter voll zu arbeiten, um das Heim für ihn, mein Leben und meine Altersrente irgendwie zu finanzieren (inzwischen sind es schon über vier Jahre). Ich war im blöden Alter zwischendrin, keine Möglichkeit einer Frührente. Ich kann mir vorstellen, dass ich im vorliegenden Fall auch verzweifelt wäre. Das Heil meiner Kinder wäre mir am Wichtigsten gewesen. Ich habe schon mit älteren Kindern von FTD Patienten gesprochen, es ist schwierig für sie – wie ist das dann erst für kleinere Kinder? Sie müssen engmaschig begleitet werden.
    Und dann, keine Unterstützung durch die Familie – und keine organisierte Pflege. In meiner Familie wäre das keine Frage, das würde organisiert. Ich bin zur Zeit schwer erkrankt und werde unterstützt, von allen Geschwistern, je nach Möglichkeit. Und, wenn ich mich nicht mehr um meinen Mann kümmern könnte, sowas würde organisiert, basta (seine nächste Familie ist in den USA), das wurde mir versprochen.
    Ich finde es bewundernswert wie manni sich um seine Frau kümmert, das ist super. Ich selber habe das Mutter-Teresa Gen nicht. Für mich war es ein täglicher Kampf, aber ich war so drin, ich habe nicht gemerkt, wie ich selber nicht mehr lebte und mich aufrieb. Nun habe ich einen andern Kampf, den ich hoffentlich gewinnen werde.
    Take care!

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