Ein Heim an der See

Er will nicht ins Heim. Ich kann ihn nicht zwingen. Niemand kann ihn zwingen. Wir wollen aber auch nicht weiter in einer gemeinsamen Wohnung leben, denn wir sind kein Paar mehr. Ab 21 Uhr kann ich mein Wohnzimmer nicht mehr nutzen, weil er dann schon dort schläft. FTD erhöht das Schlafbedürfnis und schränkt den Rest der Familie in ihrer Bewegungsfreiheit innerhalb der Wohnung ein. Die Psychologin hat meiner großen Tochter einen Platz in einer Wohngruppe angeboten, weil sie es zu Haus kaum noch aushält. Mein Kind soll ausziehen, weil ihr kranker Vater sich weigert in ein Heim zu ziehen? Verkehrte Welt.

Und dann gibt es da noch meinen neuen Partner, der auch seinen Platz in meinem Leben (und manchmal in meiner Wohnung) haben will und auch haben soll. Wie kann ich diese verzwickte Situation lösen?

Wir haben jetzt eine Lösung für unsere sehr spezielle Situation gefunden. Mein Ex-Mann wird in  eine eigene Wohnung ziehen. Aber nicht in Berlin sondern in seiner Heimat an der Küste. Er möchte zurück, dorthin, wo er geboren und aufgewachsen ist, eine Kleinstadt zwischen Kreidefelsen, Ostseestrand und Sanddornsträuchern. Ich habe ihn auf die Warteliste für eine kleine Wohnung in einer Genossenschaft setzen lassen. Es könnte in etwa drei Monaten klappen mit einem Umzug. Sein Neurologe hat zugestimmt, man könne es versuchen, auch wenn eine Heimunterbringung vorzuziehen sei. Geschwister und Eltern wohnen ganz in der Nähe da oben an der Küste. Sie werden sich kümmern müssen, werden abwechselnd täglich vorbeischauen müssen. Ihn ermahnen zu essen, zu trinken, zu duschen und die Medikamente zu nehmen. Auch wenn sie bisher jede Hilfe, sogar jedes Gespräch verweigert haben. Außerdem wird sich ein amtlicher Betreuer kümmern, damit er weiter ein selbstständiges Leben führen kann. Darauf hat er wie jeder Bürger ein Recht – auch mit Demenz.

Kein Gesetz schreibt dagegen vor, dass ich weiterhin mein Leben durch die Krankheit meiner Ex-Mannes ruinieren lassen muss, dass ich meine Nerven, meine Gesundheit, meine letzten finanziellen und körperlichen Reserven opfern muss, damit die Gesellschaft von den Kosten und dem Pflegeaufwand für die FTD verschont bleibt. Ich muss das jetzt abgeben. Und ich glaube, dass das für alle in unserer Familie die beste Lösung ist.

Ich stelle mir vor, wie mein Ex-Mann in seiner alten Heimat noch einmal aufblüht. Wie er bei Wind und Wetter täglich am Strand und an den Steilklippen entlang spaziert. Wie er auf einem von Salz und Sonne gebleichten Baumstamm sitzt und aufs Meer schaut, den Silbermöven hinterher. Angeregt von der wilden, rauen Natur wird er wieder Fotos machen, wie er es sein ganzes gesundes Leben lang getan hat. Er wird noch einmal einen schönen Sommer auf seiner Insel haben. Das wünsche ich mir für ihn.

2 Gedanken zu “Ein Heim an der See

  1. Ich denke, ihm wird es dort gut gefallen, er wird sich daheim fühlen. Auch der engere Kontakt mit Geschwistern und Eltern wird ihm gut tun. Ich hoffe für Euch alle, dass sich das aufgeht. Mein Mann hatte in der mittleren Phase (vor Heim) einige Unfälle, weil sein Gleichgewichtssinn nicht mehr richtig funktionierte. Ich wurde mehrere Male in den Notfall gerufen. Er hatte immer eine Karte mit meinen Adressangaben dabei (selber konnte er sich damals schon nicht mehr mit anderen verständigen).
    Take care,
    Claudia

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  2. Das ist eine schwierige Situation und ich habe sie auch durch. Mein Mann wurde immer eigenartiger und auch manchmal aggressiv. Ich bin der Meinung, dass nicht alle Familienglieder daran leiden müssen. Das habe ich über 20 Jahren durchgemacht und musste letztendlich unser Haus und Garten, an dem mir so viel lag aufgeben, um das Heim zu finanzieren. Es gibt dann immer noch Vorwürfe, wie Abschiebung. Da muss man durch und das eigene Leben wieder neugestalten. Das ist verdammt nicht einfach. Zu meines Mannes Beerdigung waren mehr dabei, als ich vermutet hatte. So spielt das Leben und das Schicksal mit uns.

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