Mein Weg – und nur meiner

Ich kann sehr gut verstehen, dass mein jüngster Blogbeitrag „Scheidung“ manche Leser befremdet, verstört oder sogar geschockt hat. Die Scheidung von meinem kranken Mann ist die Lösung, die ich für meine sehr spezielle Situation gefunden habe. Eine Blaupause dafür gab es nicht, Beratungen aller Art hatten keine Lösung für meine Situation ergeben. Daher halte ich mich an einen Ausspruch von Konfizius:

Von denen einen Rat zu holen, die nicht den selben Weg gehen, ist nutzlos.

Genau so ist es. So gut wie niemand geht den selben Weg wie ich. Wer hat einen (Ex-)Partner mit FTD, mit dem er in einer Wohnung lebt, dazu zwei minderjährige Kinder plus ein 40-Stunden-Job? Das dürften nicht allzu viele Menschen sein, die in der selben Situation sind. Selbst in meiner Selbsthilfegruppe – immerhin die einzige SHG für FTD-Angehörige in ganz Berlin – gibt es keinen einzigen ähnlich gelagerten Fall. Alle, die sich dort treffen, haben einen Angehörigen mit FTD, meist ihren Partner. Aber niemand hat noch zusätzlich Kinder zu versorgen. Die meisten Betroffenen sind bereits im Rentenalter oder nahe dran.

Meine Lösung ist meine und nur meine. Sie fühlt sich richtig an trotz allem Gegenwind und aller Verurteilungen. Mein (Ex-)Mann ist schon lange nicht mehr mein Partner. Eher ein guter alter Freund, der meine Hilfe braucht. Die bekommt er auch. Aber mehr kann und will ich nicht mehr geben. Ich muss mich abgrenzen. Ich muss mich schützen, um meinen auch ohne FTD sehr fordernden Alltag auf die Reihe zu bringen. Ich tanze inzwischen wieder Tango, in einem Single-Kurs – ohne ihn. Und ja, es gibt auch eine neue Liebe. Das ist ein großes, völlig unerwartetes Glück und gibt mir viel Kraft.

Ich lebe immer noch in Aphasialand. Aber ich bin nicht mehr verzweifelt. Die Achterbahn rast immer noch weiter ohne Halt, doch ich habe mich daran gewöhnt. Ich halte die scharfen Kurven und das ständige Hoch und Runter viel besser aus.

Und allen selbstgerechten Moralaposteln sage ich: Wer es schafft, zwei Kinder allein groß zu ziehen, dabei 40 Stunden arbeiten zu gehen UND einen dementen Partner zu pflegen, der werfe den ersten Stein. Nur zu.

Ein Gedanke zu “Mein Weg – und nur meiner

  1. Schön für dich das du wieder positive Perspektiven sehen kannst, auch wegen den Kindern, denn sie merken sehr wohl wenn auch der „gesunde“ unter der Krankheit leidet. Von Zeit zu Zeit flüchte auch ich, um soweit stabil zu bleiben unserer Tochter ein normaler Vater zu sein; mit dem man Quatschen und herum-albern kann. Meine Frau hat früher mal zu mir gesagt, wenn Sie zwischen die Wahl gestellt wird zu unserer Tochter oder zu mir zu halten muss Sie sich für unsere Tochter entscheiden. Diesen Stab habe jetzt ich bekommen. Ich drück die die Daumen.
    Jürgen

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