Das fehlende Foto

Wir hatten Einschulung – meine Kleine ist jetzt ein Schulkind. Das ist wunderbar und ein Anlass zurück zu schauen. Vor genau zehn Jahren gab es die erste Einschulung in meiner kleinen Familie. Damals mit einem genau so aufgeregten und niedlichen Kind wie heute – aber mit einem gesunden Vater.

Genau wie damals habe ich am Vorabend die Schultüte gepackt. Morgens habe ich die Kleine schick angezogen, Spangen in ihr Haar gesteckt und ihr den neuen Ranzen aufgesetzt. Und genau wie damals habe ich die komplette Einschulungsfeier durchgeheult. Das ist ein sehr emotionaler Moment, ein kleines Kind loszulassen und der Schule anzuvertrauen. Ein sehr schöner, sehr wichtiger Moment, der unbedingt mit Fotos festgehalten werden muss. Mit vielen Fotos. Das war auch diesmal so. Es wurde geknipst ohne Ende. Doch als ich später die vielen Schnappschüsse durchsehe – Kind mit Schultüte am Schuleingang, die neue erste Klasse auf der Bühne, flankiert von Klassenlehrer und Erzieherin, alle fröhlich winkend, die frisch gebackenen Erstklässler, die unter Applaus in Zweierreihen Hand in Hand mit dem Klassenlehrer aus der Aula marschieren, die Verwandtschaft mit dem strahlenden Schulkind, stolze Mama und ihre beiden Töchter, stelle ich plötzlich fest, dass ein Foto fehlt. Ein Pflichtfoto, das vor zehn Jahren selbstverständlich geschossen wurde. In mehrfacher Ausführung, aus diversen Perspektiven. Es ist das Familienfoto: Vater, Mutter und das gemeinsame Schulkind. Das Foto fehlt. Niemand hat es geschossen in diesem Jahr. Nicht die angereisten Verwandten und auch ich habe es nicht schießen lassen oder als Selfie selbst geschossen. Es existiert einfach nicht. Das Fehlen dieses Fotos sagt mehr über unsere Situation als alles, was ich hier schreiben könnte.

Es gibt uns nicht mehr. Wir sind Geschichte. Ein Zurück ins das Wir kann es nicht geben.

Mit fiel gleich der Tango „Volver“ (Zurückkehren) ein, der von der Sehnsucht und der Unmöglichkeit zurückzukehren erzählt. Hier gesungen von Schauspielerin Penélope Cruz im Film „Volver“ des von mir sehr geschätzten Regisseurs Pedro Almodóvar.

Ein Gedanke zu “Das fehlende Foto

  1. Meine liebe Unbekannte, es ist eine unheilbare Krankheit, womit Du Dich abfinden musst. Ich habe das über 20 Jahren durchgemacht. Die Familie meines Mannes stand mir nicht zur Seite. Im Gegenteil, sie haben das alles heruntergespielt und mir noch die Schuld gegeben. Denk an Dich und an Deiner kleine Tochter. Ich versuche auch damit zurechtzukommen. So wie es grausam klinkt, es führt zum Tod. Eine Heilung gibt es momentan nicht. Ich habe mit meiner Tochter ein sehr schönes Grab ausgesucht und wir bepflanzen es wunderschön. Es muss dann auch weitergehen und wir müssen stark sein und das wünsche ich Dir auch.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s