Mein Leben ohne dich

Mir rennt die Zeit davon. Wie lange kann ich ihn noch allein zuhause lassen? Wie lange kann er – wenigstens für kurze Zeit – unsere Kleine beaufsichtigen? Kein Neurologe kann es mir sagen. Mein Gefühl sagt mir: Nicht mehr lange. Sieh zu, dass bald alles geregelt ist.

Die Situation erinnert mich an einen Film, den ich sehr mag. In „Mein Leben ohne mich“ von Isabel Coixet erfährt eine junge Mutter, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. Sie erzählt niemandem etwas davon, sondern macht eine Liste mit Dingen, die sie unbedingt noch tun möchte. Und sie organisiert das Leben ihrer Familie so, dass die beiden Töchter und ihr Mann ohne sie zurechtkommen werden. Sie bespricht Kassetten für alle künftigen Geburtstage ihrer kleinen Töchter, die diese ohne sie feiern werden. Und sie sucht ihrem Mann eine Frau, die ihm gefallen könnte, und die auch ihre Kinder mögen.

Auch ich arbeite das Ende vor Augen eine Liste ab. Das Ende seiner Zurechnungsfähigkeit. Denn so schnell sterben wird er nicht, seine sozialen Kompetenzen, vor allem als Vater, dagegen schon. Auch ich versuche, jetzt die Weichen für die Zukunft meiner Familie zu stellen.

Punkt 1: ein neuer Job. Mit mehr Geld und am besten fest oder mit irgendeiner Art von Vertrag. Unsicher ist mein Leben mit FTD-Partner schon genug, da kostet die Freiberuflichkeit auf Dauer zu viel Kraft und Nerven. Das ist traurig, denn ich habe immer gern frei gearbeitet. Ich liebe die Abwechslung und die Eigenverantwortlichkeit. Es wird nicht leicht werden, einen passenden Job zu finden, aber ich bin dran.

Punkt 2: Möglichst wohnortnaher Schulplatz für die Kleine, damit sie den Schulweg schon bald nach der Einschulung allein gehen kann. Zum Glück schon abgehakt.

Punkt 3: Aufklärung des Klassenlehrers der Großen über die familiäre Situation. Um ihn ins Boot zu holen, falls das große Kind irgendwann Hilfe braucht. Eben abgehakt.

Punkt 4: Auto verkaufen. Es steht leider immer noch vor der Tür. Aber ein Nachbar kümmert sich jetzt um den Verkauf. Also fast abgehakt.

Punkt 5: Für mich sorgen. Ganz am Ende der Liste, aber eigentlich am wichtigsten. Denn wenn es mir nicht gut geht, wird niemand das Geld zum Leben verdienen, wird sich niemand um die Kinder und niemand um den kranken Mann kümmern können. Ich MUSS also alles tun, damit es mir gut geht. Darum gönne ich mit jetzt ein ganz eigenes Leben. Jeden zweiten Abend versuche ich außer Haus zu verbringen. Verabredungen mit Freundinnen, ein Abend im Garten, Selbsthilfgegruppe – oder tanzen gehen. Am allerliebsten tanzen gehen. Zum Glück lebe ich in der „Tangohauptstadt Europas“. In Berlin kann man jeden Abend auf eine, oft sogar auf mehrere Milongas gehen. Früher hätte mich nie getraut mit Fremden zu tanzen, denn dafür bin ich noch gar nicht gut genug. Aber mit der tickenden Uhr im Nacken und dem Mut der Verzweiflung hält mich jetzt nichts mehr auf dem Stuhl, wenn mich jemand auffordert.

Und wenn die Verbindung stimmt, und der Kopf ganz leer wird, dann ist Tango tanzen wie fliegen. Für ein paar winzige Augenblicke fliege ich einfach so davon. Weg von der FTD, dem kranken Mann, den Geldsorgen und allen anderen Problemen. Das sind kostbare Augenblicke. Sie tragen mich durch den Alltag, der immer neue Zumutungen bereithält. Denn dort fliegt nichts, höchstens nach unten – und zerschmettert gnadenlos am Boden.

„Derrotado“, auf Deutsch „zerstört“, ist einer meiner absoluten Lieblings-Tangos. Trotz des destruktiven Titels eignet sich dieses Stück ganz besonders gut zum Fliegen. So ist es mit den Tangos: die Traurigsten sind immer auch die Schönsten.

2 Gedanken zu “Mein Leben ohne dich

  1. Wie ich Ihre Zeilen gelesen habe, habe ich mich ein ganz klein wenig gefreut. Dass Sie den Tanz, Tango, haben. Als Zuflucht. Und habe mich an das Lied und die Zeilen von Pur erinnert (die Version von Daniel Wirtz finde ich schöner): „Wenn sie diesen Tango hört, vergisst sie die Zeit. Wie sie jetzt lebt ist weit, weit entfernt.“

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  2. Liebe Unbekannte, es ist wirklich eine Dilemma. Eine Pflegestufe ist ganz wichtig. Es wir über ganz oder kurz darauf hinauslaufen. Ich habe auch viele Freunde in Anbetracht, dass die Beerdigung am 09.06 sein wird. Es ist auch gut gemeint von meinen Freunden, wenn sie sagen: „Sie nach vorn und lass die Vergangenheit hinter dir“. Im Gegenteil, es wühlt mich nur noch auf. Nur verhindern kann ich das nicht. Es wird nicht besser, das muss man akzeptieren. Ich würde auch vorsichtig sein mit der Kleinen. Das kann man dem Mann in seiner Krankheit nicht mehr zumuten und ehe was Schlimmes passiert, muss eine andere Lösung gefunden werden. Wir hatten einen wunderbaren Hund (Hovowart), der etwas bissig war und mein Mann ihn ohne Leine ausgeführt hat, obwohl ich ihm das untersagt hatte. Es kam dann zum Eklat, die Hündin hat dann eine Fahrradfahrerin ins Bein gezwickt. Mein Mann ist dann mit der Hündin nach Hause gegangen und die Frau hat vor der Tür gewartet. Mein Mann kam dann raus und hat ihr gesagt, Tollwutimpfung ist erfolgt und hat sie einfach stehen gelassen. Sie war natürlich beim Tierarzt und er hat es weitergemeldet mit dem Ergebnis, sodass es zum Gericht kam mit entsprechenden Gebühren. Da musste ich die Hündin im vollem Leben einschläfern lassen, was mir heute noch weh tut. Selbiges hatte ich auch mit einem neu Herzugekommenen. Er wollte 8.000 Euro haben. Das kommt bei dieser Krankheit auf einem zu. Ein Kind mit so einem kranken Mann allein zu lassen, kann schlimm enden.

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