Der Schlaf der Dementen

Nichts ist mehr so wie es war. Auch nicht der Schlaf. Mein Mann hat immer viel weniger Schlaf gebraucht als ich. Er ging später ins Bett und stand früher auf. Schon nach fünf Stunden war er wieder topfit, während ich ohne meine sieben bis acht Stunden Nachtruhe nicht auskomme. Jetzt ist er der Vielschläfer. Fast jeden Abend nickt er vor dem Fernseher auf dem Sofa ein. Oder auch ohne Fernseher. Manchmal auch nachmittags. Oft hat er dabei ein Tasse mit Tee oder ein Glas Wasser in der Hand. Ich weiß nicht, wie oft ich den Satz „Trink doch endlich mal was!“ jeden Tag sage. Irgendwann greift er zu und schläft dann ohne einen Schluck genommen zu haben ein.

Wenn er schlafend auf dem Sofa sitzt, erinnert er mich an meinen Onkel Hermann. Onkel Hermann döste jedes Mal auf dem Sofa weg, wenn er bei uns zu Besuch war. Es war ein Running Gag in unserer Familie. Egal wie laut die versammelte Verwandtschaft am Kaffeetisch den neuesten Tratsch austauschte – meine Tanten haben ausgesprochen kräftige Stimmen –, egal wie wild die Kinder durchs Wohnzimmer tobten, Onkel Hermann schlief tief und fest. Aufrecht sitzend, herausgeputzt mit Schlips und Jackett, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf leicht auf die Seite gekippt. So saß er schlafend mitten im Trubel von Geburtstagsfeiern, Kaffeetafeln und Familientreffen. Nichts konnte ihn wecken. Oft schnarchte er auch – sehr zur Belustigung von uns Kindern. Onkel Hermann ist heute über 80 und schwer dement. Ich frage mich, ob dieses merkwürdige Schlafverhalten vor einigen Jahrzehnten schon ein erster Hinweis auf den beginnenden Hirnverfall war.

Auch mein Mann zeigt ein zunehmend eigenartiges Schlafverhalten. Im Schlaf scheint er aktiver zu sein als im Wachzustand. Er rotiert im Bett, zuckt heftig zusammen, schlägt um sich – und er spricht. Tatsächlich. Tagsüber hört man keine fünf Sätze von ihm, aber nachts wird er gesprächig. Man kann leider nicht verstehen, was er sagt. Anfangs habe ich ihn geweckt, weil ich dachte, dass er Albträume hat. Aber nein: Er meinte, dass er ganz normal geschlafen habe. Für mich wird es dagegen immer schwerer normal zu schlafen.

Der Neurologe hat uns gesagt, dass die starken Zuckungen typisch für neurodegenerative Erkrankungen sind. Das zeigen auch Studien. Wenn man Bewegungen träumt, unterbindet das Gehirn gesunder Menschen die Weiterleitung der Impulse an die Muskeln. Das kranke Gehirn kann das nicht mehr, und so bewegt sich der Schlafende. Dagegen machen kann man nichts, außer in getrennten Zimmern schlafen. Aber dafür ist unsere Wohnung zu klein. Vielleicht muss ich bald ins Kinderzimmer ziehen.

5 Gedanken zu “Der Schlaf der Dementen

  1. Liebe Unbekannte, genauso verläuft die Krankheit. Ich stand so oft zwischen Verzweiflung, Wut und Mitleid. Manchmal habe ich sogar gedacht, hoffentlich hat das bald ein Ende. Das ist bei meinem Mann nach vielen Jahren gekommen. Dann wühlt man in der Vergangenheit rum, was aber nicht aufbauend ist. Mein Mann ist auch oft eingeschlafen beim Autofahren (Unfälle ohne Ende) und selbst in der Kapelle seiner geliebten Großmutter. Das sind frühe Anzeichen, die zunächst alle amüsieren und wir es nicht deuten können. Das Gehirn fängt da schon an abzubauen. Er schlief auch bei Dienstbesprechungen ein mit der Folge von Abmahnungen und Kündigung bis letztendlich zur Erwerbsunfähigkeit. Zieh ins Kinderzimmer, das habe ich auch gemacht. Nachts kam er dann manchmal vorbei, weil er die Toilette verfehlt hat. Es wird nicht besser. Mit einem Pflegegrad ist auch ein gutes Heim möglich. Da sind geschulte Pfleger, die viel besser helfen können. Sie können noch Freude geben, was uns nicht mehr gelingt.

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  2. Ich habe mir heute mal einfach die Zeit genommen deinen Blog zu lesen. Bei uns gab es die Diagnose für meine Frau vor ca. 2 Jahren – zumindest hatte der Neurologe bei uns soviel Zeit das wir in einem Zimmer saßen. Unsere Tochter war damals Elf.
    Bei ihr ist es wohl ein etwas langsamerer Verlauf wie bei deinem Mann – ich schätzte ihren Restwortschatz so bei 20-30%, und die enthemmte Variante. Sie sitzt vier bis fünf Stunden am Tag in ihrem Zimmer und macht die Übungsblätter der Logopädin, dazwischen ein bis zwei Stunden Radfahren. Montags ist unserer Tangoabend, sie schafft es sogar noch neue Figuren über Beobachtung zu lernen.
    Meine aktuelle Strategie ist das ich vier Zustände lebe: meine Frau/Ich, meine Tochter/Ich, wir drei (wenig) und Ich allein mit meinen Chaosgefühlen.

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    • Hallo Jürgen, das kommt mir alles sehr bekannt vor, vor allem das Gefühlschaos und die verschiedenen Leben, die man führt. Ich finde es sehr gut, dass deine Frau so viel Logopädie-Übungen macht. Mein Mann hat sich schon aufgegeben, was das betrifft. Unser Tango-Abend ist auch der Montag. Ich denke, dass es mit dem Tanzen noch länger klappen kann, wenn der Führende gesund ist.
      Liebe Grüße

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  3. Hallo liebe Apasialand und sonstige Betroffene. Mein Mann ist auch noch nicht ganz so weit wie Ihrer,wobei das ja ganz unterschiedliche Bereiche berifft die besser und schlechter sind. Bei uns war das auch so..Obwohl ich ja noch das Problem habe dass ich die gegenwart meines Mannes ja tagsüber schon kaum ertragen kann.( Nach über 10 Jahren unerträgliches Eheleben mit Beschuldigungen und immer währender pampiger Sprache zu mir und nur zu mir). Erst haben wir die Betten getrennt,da kein Zimmer zur Verfügung war. In der Zwischenzeit bin ich noch ein dreiviertel Jahr ausgezogen.Bin jeden Tag vorbei gekommen um alles zu regeln. So schlecht geht es ja meinem Mann auch noch nicht.Aber dann habe ich gesehen,dass er einfach aus lauter Langeweile nur Blödsinn macht zu Hause,jetzt bin ich wieder daheim.Aber was ich aus der Sache gelernt habe ist, dass ich meinen eigenen Freiraum im Haus brauche.So habe ich mir ein ganz eigenes Zimmer eingerichtet,ich brauche meinen Rückzugsplatz und einigermaßen Schlaf in der Nacht.Wenn ich darüber nachdenke könnte ich heulen,weil ich denke mein Gott was ist denn das alles..Aber.. es hilft nichts. Man kann ja nicht mal davon laufen und weiß aber auch dass es noch schlimmer wird, Liebe Grüße Marianne

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    • Liebe Marianne,
      ein Rückzugsort ist so wichtig! Das ist schön, dass du dir ein Zimmer eingerichtet hast. Bei uns sind leider alle Zimmer belegt. Wir haben auch nur eine kleine Mietwohnung. Ich setze mir Kopfhörer auf, um mich abzugrenzen, wenn ich abends zuhause sein muss. Das hilft auch ein bisschen.
      Liebe Grüße

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