Hochzeitstag

Schwerer zu ertragen als der Alltag sind Feiertage, Geburtstage, Feste aller Art. Aber am schlimmsten fühlt sich unser Hochzeitstag an. Dabei erwarte ich nichts, außer, dass er gar nicht an das Datum denkt. Beim Frühstück fragte ich ihn dann doch: „Weißt du, was heute für ein Tag ist?“ Und er antwortete tatsächlich: „Hochzeitstag“. Ich war ziemlich verblüfft. Damit war für ihn das Thema aber auch erledigt. Keine Geste der Verbundenheit, kein Umarmen, nichts. Am Nachmittag kaufte er wie jeden Tag Kuchen. FTD-Patienten müssen ständig Süßes essen, sie haben einen schier unstillbaren Appetit auf Zucker. „Craving“ nennt das der Neurologe. Das sich in Auflösung befindliche Gehirn verlangt Kohlenhydrate. Er kaufte ein Stück. Für sich selbst. Mehr nicht. So sieht das aus in einer Partnerschaft mit einem FTD-Kranken. Es ist eben keine Partnerschaft mehr. Nicht mal am Hochzeitstag.

Das weiß ich ja längst, aber traurig macht es mich trotzdem. Ich frage mich, wie andere Frauen oder Männer so eine Nicht-Beziehung teilweise jahrelang aushalten. Mir fiel ein, dass mein Mann schon mindestens drei Hochzeitstage derart missachtet hatte. Etwa so lange wie er die Krankheit hat. Auch mein letzter Geburtstag verlief ähnlich deprimierend. Wenn meine Kinder nicht eingegriffen hätten, hätte es nicht mal Blumen gegeben.

So links liegen gelassen, fühle ich mich wieder wie mit 16, als mein erster Freund mich verließ. Es war damals ein wunderschöner warmer Frühsommer und unter der Trauer und Wut machte sich ganz leise ein Gefühl des Aufbruchs und der Lust auf Neues bemerkbar, das immer stärker wurde. Damals ließ ich mir meine langen Haare abschneiden und hörte „Don’t You forget about me“ von den Simple Minds in Dauerschleife. Ich war tieftraurig, am Boden zerstört und gleichzeitig neugierig, was jetzt wohl kommen würde. Ich war sweet 16. Das Leben lag als gefühlt endlose Folge von Jahren vor mir. Ein Ende war nicht abzusehen.

Meine Haare trage ich immer noch so kurz wie damals, aber so viel Leben liegt nun nicht mehr vor mir. Mindestens die Hälfte ist schon Vergangenheit. Ob da noch irgendwo Neues wartet außer Verfall und Krankheit? Was soll noch kommen, wenn die FTD, auf welchem Weg auch immer, aus meinem Leben verschwunden ist?

Dummes Selbstmitleid. Wenn schon sonst nichts, gönne ich mir wenigstens das zum Hochzeitstag. Und zwar zusammen mit einem Bier im Garten. Ganz allein. Prost Hochzeitstag! Ich trinke dieses Jahr nur auf mich.

 

9 Gedanken zu “Hochzeitstag

  1. Meine liebe Unbekannte, ich kann Alles mit dir durchleben. Mein Mann hat auch die Silberhochzeit verpasst und ich war darüber sehr traurig. Zu unserem Hochzeitstag hat ihr auch Blumen geschenkt. Es wurden immer weiniger, weil er es nicht mehr koordinieren konnte. Aber es war noch eine liebe Geste. Nun ist eingeschlafen für immer. Das ist eine Erlösung, so sagen die Angehörigen. Ich war noch bei ihm, aber zwei Stunden zu spät. Er hatte eine Rose in der Hand und eine Kerze war auch angezündet. Die Pfleger waren sehr lieb und haben mir gesagt, dass er in Ruhe eingeschlafen ist. Ich hätte nur noch geweint, was einem Sterbenden nicht gut tut. Meine Tochter war auch noch einmal bei ihm. Da ich ein humorvoller Mensch bin, habe ich meinen Sohn geschrieben: Er macht sich da aus dem Staub und ich habe das Dilemma und was schrieb er zurück: Schlawiner. Was ich eigentlich schreiben möchte, es geht zu Ende. Da kommt Vieles auf Euch zu und danach kommt ein neues und ein anders Leben auf uns zu.

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    • Mein Mann hatte vor die Rubinhochzeit zu feiern (40Jahre) und dann kam die Krankheit – wir hatten unseren 40. Hochzeitstag und es gab keine Feier. An manchen Tagen fühlt es sich an, als ob das Leben einfach vorbei ist – was soll da noch kommen.

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  2. Hallo. Ja das ist einfach trotzdem wissen über die Krankheit schmerzhaft.das mit dem Bier alleine trinken ist bei mir auch täglich so.ich koche Abendessen er nimmt sich einen Teller voll und geht ins wohnzimmer.ich bleib in der Küche sitzen und esse alleine.mittlerweile weiß ich nicht mehr was mir lieber ist.ich glaube ich esse mittlerweile lieber alleine.aber man fühlt sich auch so einsam.viele Grüße

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  3. Meine liebe Unbekannte, schreib mir Alles, was Dich erleichtert. Wir können die Krankheit nicht aufhalten. Ich habe sogar manchmal gedacht, hoffentlich hat es bald ein Ende, damit ich wieder ins Leben einsteigen kann. Das habe ich mich nie getraut Jemanden zu sagen. Es war dann nur noch Durchhalten, weil die soziale Kompetenz nicht mehr da war. Unsere Silberhochzeit hat er auch nicht mehr mitbekommen. Das tut verdammt weh. Als er dann im Heim war, habe ich nur noch geweint, weil mir klar war, da gibt es keine Zukunft mehr. Bei der letzten Weihnachtsfeier, zauberhaft von der Albert Schweitzer Stiftung hergerichtet, war mein Sohn auch dabei. Mein Mann hat das Weihnachtsgeschenk geöffnet und die Legobausteine essen wollen. Das wäre ein schlimm gewesen sein. Die Schokolade in einzelnen Stücken hat er dann übereinander gebaut. Du kannst es noch etwas hinzögern. Es wird noch viel auf Dich zukommen. Wir können das nicht ändern. Es ist fast schlimmer als Krebs, denn da kann man noch Etwas machen. Wenn aber der eigene Mann sich so von einem abneigt, ist das unerträglich. Das weiß über 20 Jahre. Ich hatte Dir schon geschrieben, wie er gestorben war mit einer Rose in der Hand und eine Kerze war angezündet war auch. Und obwohl ich es wusste und er mit so leblos dalag, war es sehr schwer für mich. Ich habe nun Alles organisiert, damit er würdevoll er und wir von ihm Abschied nehmen können. Ich wäre am liebsten gleich hinterher gegangen. Soweit dann mein Mann noch irgendwie auf Dich hört, bleibe mit ihm zusammen, nur wenn es für Dich nicht mehr geht, such Dir ein gutes Heim aus, meine Empfehlung hast Du ja schon. Das schaffst Du nicht allein. Wenn Du meine Hilfe brauchst, da bin ich da.

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    • Vielen Dank liebe IAWilke, es ist gut zu lesen, dass andere dieses Schicksal auch durchgemacht haben und nicht daran zerbrochen sind. Du bist ja schon zehn Schritte weiter als ich. Da ist es, als ob ich meine Zukunft erfahre. Ich wünsche Dir von Herzen, dass jetzt noch ganz viel Schönes in deinem Leben passiert. Es muss doch ein Leben nach der FTD geben. Das ist auch meine Hoffnung.

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