Wir müssen zum Amt

Sozialamt, Wohnungsamt, Arbeitsamt: Ämter sind für mich der Horror. Ich bin stolze Freiberuflerin. Das bedeutet viel Selbstverantwortung, viel Arbeit, viel Freiheit und möglichst wenig Staat. Ich mochte mich nie administrieren und schon gar nicht alimentieren lassen. Lieber habe ich meine Dinge selbst geregelt und meinen Behörden-Kontakt auf das absolut notwendige Minimum beschränkt. Das hieß: Bürgeramt zum Personalausweis verlängern, Jugendamt zum Kita-Platz beantragen und natürlich das unvermeidliche Finanzamt, das regelmäßig zufriedengestellt werden will.

Behörden und Ämter lösen bei mir ungute Gefühle aus von ausgeliefert sein und fremdbestimmt werden. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Kind zweier Beamter bin. Oder ich habe zu viel Kafka gelesen. Betrete ich ein Amt, fühle ich sofort hilf- und machtlos. Und unverstanden, degradiert, missachtet.

Meine Amt-Phobie muss ich jetzt überwinden, denn die FTD zwingt mich dazu, mich mit diversen Behörden und Ämtern auseinander zusetzen. Also Augen auf und durch. Da wäre zunächst der Antrag auf einen Behinderten-Ausweis. Praktischerweise hat ihn die Sozialarbeiterin der Neuropsychiatrie für uns ausgefüllt und versandfertig ausgedruckt – ein wirklich toller Service der Klinik. Die Dame hat im Gegensatz zu uns darin Übung, denn so ziemlich jeder Patient der Neuropsychiatrie gilt als behindert und braucht einen entsprechenden Ausweis.

Sie drückte uns den Papierstapel in die Hand mit den Worten: „Jetzt kopieren Sie noch den aktuellen Arztbrief und schicken alles zusammen zum Lageso. Dann bekommen Sie in sieben bis acht Monaten den Behindertenausweis.“ Hatte ich das richtig verstanden? Bis zu acht Monate? „Ja, leider“, seufzte die Sozialarbeiterin. Na klar, das Lageso, das Landesamt für Gesundheit und Soziales, ist ja bundesweit bekannt für Chaos und Missmanagement. Nun haben auch wir mit dieser Voll-Versager-Behörde zu tun.

Ich meine: acht Monate. Bei einer degenerativen Erkrankung wie der FTD passiert da schon einiges in Richtung Verschlimmerung. Wenn der Ausweis in acht Monaten da ist, kann mein Mann vielleicht schon überhaupt nicht mehr sprechen. Oder schlimmeres. Dann müssen wir einen neuen Ausweis mit höherem Behinderungsgrad beantragen. Ob das dann auch wieder acht Monate dauert?

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Ein knappes Pfund Papier: der Rentenantrag

Ebenfalls auf dem Tisch: der Rentenantrag für seine Erwerbsminderungsrente. Ein knappes Pfund Papier – acht mehrseitige Antragsteile – habe ich dafür aus dem Netz ausgedruckt. Warum ist das eigentlich so eine Papierflut? Die Rentenkasse müsste doch alle Daten haben. Oder wie kann sie uns sonst einmal jährlich mit der Prognose über die zu erwartende Rentenhöhe erschrecken? Würfeln die? Schon beim ersten Durchblättern der insgesamt rund 80 Seiten wird mir klar, dass ich nicht alles verstehe. Man sollte doch denken, dass jemand mit Hochschulabschluss so einen Antrag auf Anhieb ausfüllen können müsste. Ist aber nicht so.

Ich frage mich, ob das Bearbeiten dieses Antrags auch acht Monate dauert. Wir werden es bald wissen. Spätestens in acht Monaten.

2 Gedanken zu “Wir müssen zum Amt

  1. Ich kann Sie sehr gut verstehen. Ihr Mann leidet an Frontonmentalen Demenz. Mit den Behörden habe ich auch meine Probleme. Mein Mann wird gut versorgt in der Albert Schweitzer Stiftung. Ich habe es noch einmal geschafft, frühere Bilder anzusehen. Es ist kein Zurück. Er sitzt dann nur in seinem Rollstuhl da und ein Gespräch ist nicht mehr möglich. Ich würde Ihnen raten einen Pflegegrad über die medizinische Hilfe zu beantragen. Sie werden das auf Dauer sowieso nicht ausstehen. Da sind Verwandte und Freunde überfordert und geben noch einen sogenannten guten Rat. Ich habe auch oft gezögert und mir ein schlechtes Gewissen eingeredet. Es ist eine Krankheit, die wir nicht ändern können. Wo wir durchkommen müssen ist die Außenwelt, die uns nicht versteht. Ich habe mit meinen Kindern schon einen Urnenfriedhof ausgesucht. Das ist nicht sehr schön. aber ich muss rational denken. So einen Schicklasschlag müssen wir überwinden.

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