Alles ist Abschied

Bei FTD gibt es nur eine Richtung: abwärts. Immer mehr Dinge verschwinden aus unserem Leben, die es eben noch ausgemacht haben. Ein Abschied folgt dem nächsten. Seine Arbeit – bereits nahezu vollständig verschwunden. Von Geld will ich lieber gar nicht erst reden. Sein Auto – wird gerade verkauft. Sein geliebtes Rennrad – verkauft. Beides ist zu gefährlich geworden für ihn und für andere. Unser Leben in einer gleichberechtigten liebevollen Partnerschaft – längst Geschichte. Gemeinsame Freunde – ducken sich weg.

Die allerletzte Hoffnung, dass hinter seiner Sprachlosigkeit und Wesensveränderung doch eine zwar schwere, aber behandelbare Erkrankung stecken könnte – seit gestern auch dahin. Der Test auf die Eisbär-Knut-Gehirnentzündung war negativ. Es bleibt bei der vernichtenden Diagnose FTD, Variante Primär nicht flüssige Aphasie. Uns wird wirklich nichts geschenkt.

Von unseren guten Orten sind die meisten inzwischen auch verschwunden. Das ging deutlich schneller als ich dachte.

Der Frühling nimmt Fahrt auf. Die Stadt schüttelt das Wintergrau ab. Zartes Grün, Blütenduft und Vogelgezwitscher in unserem Hinterhof. Überall Wachsen und Werden. Der Kontrast ist schwer erträglich.

Was bleibt? Nicht viel. Und nicht genug für mich.

Dazu passt – was sonst – ein Tango, einer meiner ganz großen Favoriten: „El Adios“, der Abschied. Kaftvoll und tieftraurig. Für einen Frühling voller Abschiede.

 

2 Gedanken zu “Alles ist Abschied

  1. Alles ist Abschied hat mich sehr beeindruckt, weil es stimmt – leider. Die Krankheit ist sehr schleichend und wird auch nicht selbst von einem Psychiater oder Psychologen gleich erkannt. Die ersten Anzeichen waren schon 1998 erkennbar. Da hatte ich mich selbstständig mit einem Ingenieurbüro gemacht. Ich wurde dann von Nachbarn angesprochen, dass sich mein Mann komisch verhält, was ich noch nicht so ernst genommen habe, da er immer etwas eigenwillig war. Da kam es zu mehren Autounfällen, so dass ich ihm den Zündschlüssel weggenommen habe und ihm eine Fahrrad gekauft habe. Er hat dann es nach kurze Zeit rammboniert wie auch meines und die meiner Kinder. Wir hatten ein gemeinsames Haus gebaut mit einem wunderschönen Garten. Da er seit 2001 mit 51 Jahren eine EU-Rente erhielt und zu Hause war, dachte ich noch, dass er sich um das Haus kümmert, aber fehlgeschlagen. Für neue Kaufverträge bei Kaffeefahrten und Bestellungen von wertlosen Münzen hat es noch gereicht. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam und mal wieder ein Rohrbruch war, hat es ihn nicht interessiert. Reden mit ihm war dann schon nicht mehr möglich. Ich habe dann erkannt, dass ich das nicht mehr alleine schaffe und mit meinen Kindern ein betreutes Wohnen organisiert, was auch schief ging. Da ist er nachts durch die Gegend gewandert ist und nicht nur einmal von der Polizei aufgegriffen wurde. Einmal war er in einer Kleingartenanlage aufgefunden in einem Laubhaufen. Es war schon Oktober und sehr kalt und war dann wieder im St. Joseph Krankenhaus gelandet. Ein sehr guter Oberarzt hat mir gesagt, dass mein Mann in eine gutes Heim muss. So haben wir uns für die Albert Schweitzer Stiftung entschieden. Da wird er gut betreut und es kostet seinen Preis. Das Haus und meine Ersparnisse sind auch in das Heim geflossen. Das Haus musste ich verkaufen, was mir nicht leicht gefallen ist. Was mich aber noch betrübt macht, ist seine Familie, die damit nicht zurecht kommen und sich sehr zurückgehalten haben. Seine Mutter, inzwischen 91 Jahre hat mir die Schuld zugewiesen, da ich meinen Mann nur abschieben wollte. Ähnliches werden auch Andere erfahren. Ich habe sehr viel geschrieben und möchte den Kontakt aufrecht erhalten.

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