Sprich! Mit! Mir!

Ich vermisse Worte. Ich vermisse Sätze, Fragen, Ausrufe, Ausreden, Anwürfe, Anklagen – ja auch die. Ich vermisse alles, was gesagt werden müsste. Alles, was erzählt werden könnte. Alles, was besprochen werden würde. All die nicht gesagten Worte. Gibt es eigentlich ein Wort für den Hunger auf Gespräch? Verdammt, ich bin am Verhungern.

Seit etwa zwei Jahren habe ich nicht mehr mit meinem Mann gesprochen. Jedenfalls nicht so, wie gesunde Menschen miteinander sprechen. Seit zwei Jahren kein Streit, keine Austausch, kein Besprechen, kein Verstehen. Einfach nichts. Gar nichts. Unsere „Gespräche“ bestehen aus Monologen meinerseits. Seine Antwort ist fast immer nur ein ausdrucksloser Blick. Sein FTD-Blick. Ihn stört das überhaupt nicht. Er vermisst: nichts. Ich dafür umso mehr. Es gibt keine Nähe mehr. Ich hab mich noch nie so einsam in einer Beziehung gefühlt. Anscheinend ist er ist jetzt mit der FTD verheiratet.

Kann man ohne Sprache, ohne Verstehen lieben? Für mich sind Sprache und Liebe ein Paar, das zusammen gehört. Das eine kann es nicht ohne das andere geben. Mir ist Liebe nie durch den Magen, aber immer durchs Ohr gegangen. Wie er spricht, das war immer das erste, was mir an einem Mann gefallen hat. Kein Wunder, dass unter meinen Verflossenen ein Radiomoderator, diverse Journalisten und ein Provinz-Politiker sind. Wenn die überhaupt was konnten dann reden.

Kürzlich habe ich mich mit einem befreundeten Nachbarn auf ein Glas Wein getroffen. Seine Freundin hatte sich von ihm getrennt, er brauchte ein offenes Ohr. Zuhören, antworten, Antwort bekommen. Ein sehr intensives, zugewandtes, echtes Gespräch mit einem Mann. Einen ganzen Abend lang. Danach lag ich Bett und habe Rotz und Wasser geheult. Dieser Abend hat mir erbarmungslos vor Augen geführt, was mir schon viel zu lange fehlt.

Ich bin erschreckend bedürftig. Vielleicht sollte ich mir ein Shirt bedrucken lassen: „Sprich! Mit! Mir!“ Oder: „Keine Angst, die will nur reden.“ Denn ich will tatsächlich keine neue Beziehung und keinen Sex, nur Gespräche. Lange, intensive Gespräche. Reden, einfach reden. Und wahrgenommen werden. Kein leerer Blick, sondern angeschaut werden. Nähe. Vor allem das.

Wenn es so weiter geht, fange ich irgendwann an, mit Männern ins Bett zu gehen, nur damit sie mit mir sprechen.

 

3 Gedanken zu “Sprich! Mit! Mir!

  1. Oh ja, das kann ich durchaus verstehen, wobei ich mir das jetzt, also deine Situation, noch nicht so ganz vorstellen kann. Allerdings verstehe ich das wenn die Kommunikation fehlt oder gestört ist, da schon gewaltige Probleme auftauchen können. Und das widerum führt zu weiteren.
    Wie kam es denn bei dir dazu?
    LG

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  2. Wenn wir deine Beiträge lesen, dann ist es jedes Mal ein heraustreten aus dem Alltag, weil plötzlich klar wird, was wirklich zählt im Leben. Sie sind einfach großartig geschrieben, aber wir schaffen es irgendwie nicht, aus „gefällt mir“ zu klicken, das wäre viel zu banal!

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