Station 152 b

Huntington, Parkinson, Demenzen aller Art – in der Neuropsychiatrie teilt das Schicksal mit der ganz großen Kelle aus. Nichts für Weicheier also. Zum Glück ist mein Mann keins, denn er muss diese Woche auf Station 152 b verbringen. Es steht eine weitere Untersuchung an. Die Diagnose FTD/PnfA soll endgültig abgesichert und eine Gehirnentzündung à la Eisbär Knut ausgeschlossen werden.

Wie immer dauert das Ganze deutlich länger als geplant. Auf die entscheidende Untersuchung, eine Hirnwasserentnahme, muss er mehrere Tage warten. Ich besuche ihn also auf Station 152 b, der Neuropsychiatrie. Erst wollte ich unsere Kleine mitnehmen. Aber als ich auf Station 152 b ankomme, bin ich sehr froh, dass ich sie zu Hause gelassen habe. Der Besuch hätte bei meinem Vorschulkind garantiert für ein paar Nächte voller Albträume gesorgt.

Es ist gerade Zeit fürs Mittagessen, das die meisten Patienten im Aufenthaltsraum einnehmen. Ein paar schrammelige Tische und Stühle, die noch aus DDR-Zeiten zu stammen scheinen. Ein durchgesessenes Sofa, abgewetztes Linoleum und ein Geruch irgendwo zwischen Desinfektionsmittel und Kohlsuppe. Ich bin immer wieder überrascht, in welch heruntergekommenen Zustand Räume und Mobiliar in Krankenhäusern sein können – selbst in einer international führenden Klinik wie dieser.

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Keine Durchgangs- sondern eine Endstation

Eine magere alte Dame sitzt vor ihrem Tablett und rührt ihr Essen nicht an. Sie schlägt immer wieder die Papierserviette vor ihr runzliges Gesicht und heult laut. Zwischen den Schluchzern ruft sie: „Meine Tochter soll heute kommen. Oder ist sie schon tot? Ich glaube, sie ist tooooot!“ Ein Tischnachbar will sie trösten und meint: „Nu essen Se mal. Is doch allet jut.“ Jetzt heult die alte Dame erst recht: „Nein! Nein! Ich kann nicht essen. ICH KANN NICHT ESSEN! Buhuhuhu!“

Eine Schwester schiebt eine Frau im Rollstuhl in den Raum zu einem Einzeltisch. Die Patientin hat eine überdimensionierte weiße Plastikserviette um den Hals, die sie wie ein ein Umhang einhüllt und bis zum Boden reicht. Bald sieht man warum: Die Frau kann ihre Bewegungen nicht kontrollieren. Ihre Hand mit dem Löffel fährt mit Schwung in die Soße, um nach oben über ihren Kopf zu schnellen und dann im Sturzflug Richtung Mund zu sausen. Dabei zuckt die Frau mit dem ganzen Oberkörper vor und zurück und gibt stöhnende, grunzende Laute von sich. Bald ist sie von oben bis unten mit Soße und Kartoffelbrei bespritzt. Der Tisch auch. Nur ein Bruchteil des  Mittagessens findet den Weg in ihren Mund.

Ich sehe meinen stummen Mann zwischen all diesen von Nervenleiden schwer gezeichneten Menschen sitzen und unter dem Geheul der alten Dame seine Bratensoße löffeln. Und ich frage mich: Wie sind wir hier bloß hinein geraten? Was machen wir hier? Ich habe offenbar noch immer nicht verstanden, dass mein Mann jetzt zu diesen Menschen gehört. Menschen, die die ganz großen Nieten aus dem Lostopf des Schicksals gezogen haben. Menschen, die von Medizin und Gesellschaft nicht viel mehr als eine möglichst preisgünstige Verwahrung zu erwarten haben. Endstation 152 b.

Zum Abschied gelingt uns zum ersten Mal seit Wochen ein Moment der Nähe. Eng umschlungen stehen wir am Ausgang der Klinik. Minutenlang. Was machen wir bloß hier? Wie sind wir hier hingekommen?

Die Straßenbahn bringt mich zurück in meinen gentrifizierten Kiez voll bonbonfarbener Altbaufassaden und luxuriösen Neubauten aus Beton, Stahl und Glas. Während ich an den vielen exklusiven Läden für überteuerten Deko-Kram und veganen Lifestyle entlang laufe, bekomme ich plötzlich Wut auf diesen vulgär zur Schau gestellten Wohlstand. Was für dekadente Deppen kaufen eigentlich diesen ganzen überflüssigen Schrott?

Ich würde diesen Leuten gern etwas sagen: Und wenn ihr eure überbewerteten Eigentumswohnungen von oben bis unten mit diesen grotesk teuren Sofakissen, Tierfellen und Strass-Hirschgeweihen vollstopft und jeden verdammten Tag Rote-Beete-Quinoa-Burger esst – es wird euch nichts nützen. Auch ihr landet am Ende auf einer Station 152 b. Davon kann man sich nicht freikaufen, mit keinem Geld der Welt. Es ist die Endstation. Und die erreicht jeder.

3 Gedanken zu “Station 152 b

  1. Puh, Station 152b habe ich auch gesehen – wenn auch an einem Ort und mit einer andern Nummer. Trotzdem genauso. Das sind Bilder, die im Kopf bleiben, auch bei denen, von denen man denkt, dass sie ihnen nicht mehr im Kopf bleiben können. Puh, welche Erleichterung, darüber schreiben zu können, darüber reden zu können, das in Worte fassen zu können. Alles eine Scheiße mit diesen Bewohnern von Station 152b, die nicht schreiben können, die nicht reden können, die nicht (mehr) in Worte fassen können. Und bei denen die Bilder trotzdem auch bleiben.
    Aber eben auch Momente wieder dieser: eine feste Umarmung, eine Nähe. Viel mehr wert als Eigentumswohnungen und Hirschgeweihe.

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