Wiedergeboren werden

8 Uhr morgens. Ich quetsche mich in eine überfüllte S-Bahn und fahre zur Arbeit. Welcher meiner fünf Jobs heute dran ist, ist mir herzlich egal. Alles gleich. Aber immer schön freundlich und fleißig bleiben, sonst werde ich nicht mehr gebucht.

Abends koche ich für die Kinder Nudeln. Ich stopfe einen Berg Wäsche in die Maschine. Die Große braucht schon wieder eine neue Hose. Die nächste Klassenfahrt soll 350 Euro kosten. Na klar, Mama hat’s ja. Der Hortvertrag für die Kleine wartet seit Wochen darauf, ausgefüllt zu werden. Nicht zu vergessen die Buchhaltung für das letzte Quartal. Ich räume noch auf und stelle fest, dass er der Kleinen schon wieder neues Spielzeug gekauft hat – wie fast jedem Tag. Von meinem sauer verdienten Geld. Diskussion darüber: zwecklos. Also spare ich mir die Vorwürfe.

Später sitze neben meinem stummen Mann auf dem Sofa. Und trinke zu viel Rotwein. Weil ich weiß: morgen ist es genau so. Und die nächsten Tage auch. Und die nächsten Wochen, Monate. Vermutlich sogar Jahre. Besser noch mehr Rotwein. Im Aphasialand erwartet mich am Ende eines jeden langen Arbeitstages nichts als seine Sprachlosigkeit, seine Apathie und seine völlige Teilnahmslosigkeit. Sein ausdrucksloses FTD-Gesicht.

Bin ich das wirklich, die da neben diesem mir völlig fremd gewordenem Mann sitzt? Nein. Es ist nur mein Körper da auf dem Sofa. Ganz ähnlich wie mein FTD-Mann bin ich nur noch körperlich anwesend. Zwei Zombies auf dem Sofa. Es wäre herrlich skurril, wenn es nicht so traurig wäre.

Ich funktioniere. Ich tue, was getan werden muss. Nicht mehr und nicht weniger. Auf gewisse Art bin ich tot. Es gibt eine Mutter, die Ehefrau eines Demenzkranken, eine Berufstätige – aber mich gibt es schon lange nicht mehr. Ich bin tot. Gestorben an FTD. Ist das nicht absurd? Diese Krankheit rafft tatsächlich zuerst die Angehörigen dahin.

In diesem Zustand tröstet mich manchmal ein Tango, den ich früher überhaupt nicht mochte. Er war mir zu disharmonisch, zu dunkel, zu brutal. Es ist „Preludio para el año 3001“ von Astor Piazzolla, dem Begründer des Tango Nuevo. Der Text stammt von Tango-Dichter Horacio Ferrer. Aus jedem Ton, jeder Zeile schreit die grausame Zeit der Militärdiktatur in Argentinien. Ich liebe dieses Stück. Wegen seiner Disharmonie, seiner Dunkelheit und seiner Brutalität. Und der Zärtlichkeit, die unter der Brutalität durchschimmert.

Mit meinen rudimentären Sprachkenntnissen aus einem Semester Spanisch habe ich den Anfang übersetzt:

Wiedergeboren in Buenos Aires
an einem Nachmittag im Juni
mit dieser überwältigenden Lust zu lieben und zu leben.
Ich werde unweigerlich wiedergeboren
im Jahr 3001 an einem Sonntag im Herbst auf der Plaza San Martin.
Streunende Hunde werden meinen Schatten anbellen.
Mit bescheidenem Gepäck reise ich aus dem Jenseits an,
und kniend an meinem schönen und schmutzigen Rio de la Plata
forme ich mir ein neues nimmermüdes Herz aus Schlamm und Salz.

Ich stelle mir vor, dass ich nach Buenos Aires reise und die ganze Nacht in einer kleinen schäbigen Tango-Bar tanze. Wo alte Herren mit von Pomade glänzendem Haar Bandoneon spielen. Und das Parkett von abertausenden Ochos spiegelglatt poliert ist. Wenn der neue Tag anbricht, gehe ich an das Ufer des Rio de la Plata. Im ersten Morgenlicht blicke ich über den ockergelben Fluss und spüre mein starkes, lebendiges Herz – mein neues Leben. Endlich wiedergeboren.

Bis es soweit ist, steht mein Buenos Aires im Rotwein-Regal des Spätverkaufs an der Ecke. Denn noch bin ich tot.

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