Das Lied der Verzweiflung

Wer den Tango nicht kennt, glaubt oft, der Tanz sei erotisch. Ein „horizontales Verlangen, das vertikal ausgedrückt wird“ – so ein albernes Zitat von Bernard Shaw, ohne das kein Artikel über Tango Argentino auskommt. Früher dachte ich auch so. Aber das war bevor ich angefangen habe, Tango zu tanzen.

Heute weiß ich: Tango wohnt im Herzen, nicht im Höschen. Es geht um Emotion, um Seele, um Traurigkeit. Das hat uns der Tanzlehrer in der ersten Stunde gesagt. Ich habe damals gelacht und geantwortet: Ich finde es trotzdem sehr erotisch. Der Tanzlehrer hatte natürlich Recht. Ich merkte bald, dass Tango ganz tief unter die Haut geht, wo Erotik gar keinen Platz mehr hat. Da ist nur noch Seele.

Und darum passt der Tango so gut zu meiner, zu unserer Situation. Mir kommt es so vor, als ob der Tango all das ausdrückt, was die FTD seit der Diagnose in mein Leben gebracht hat: Verzweiflung, Verlust, Perspektivlosigkeit, Melancholie, Trauer. Der Tango hat eine Antwort auf das alles. Und die lautet: Ja, das Leben kann wirklich beschissen sein. Aber es gibt den Tango. Und der ist schön, egal, wie schlimm alles andere auch sein mag. Also bewahre Haltung und setze den nächsten Schritt – und bitte möglichst elegant. Genau das versuche ich – im Tango und im Leben.

Einer meiner Lieblings-Tangos ist „Canción desesperada“ (Lied der Verzweiflung), hier gesungen von der großartigen María Graña. Den Tango hat der Komponist Enrique Santos Discépolo 1945 geschrieben – also vor 72 Jahren. Aber mir kommt es so vor, als ob er ihn erst gestern und extra für mich komponiert hat. Von Discépolo stammt auch der Satz „Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.“ Oh ja, so ist es. Ohne diese grauenhafte Krankheit FTD hätte ich das vielleicht nie verstanden.

3 Gedanken zu “Das Lied der Verzweiflung

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