Bis dass der Tod

Als Teenager hatte ich einen bösen Traum. Ich träumte, dass ich mit 46 sterben werde. Es war ein intensiver Traum, der sich in mehreren Nächten wiederholte und mich über viele Jahre immer wieder beschäftigte. Doch 46 war ja noch so lange hin, und bald wurde der Albtraum zu einer Art Running Gag zwischen meinem damaligen Freund und mir.

Natürlich bin ich nicht mit 46 gestorben. Und doch ist der Traum von vor 30 Jahren wahr geworden. Zwar bin ich nicht tot, aber mein Leben ist trotzdem vorbei. Leben heißt hoffen, planen, vorwärts kommen. Der Gedanke, dass es morgen anders – besser – sein könnte als heute. All das hat keinen Platz in Aphasialand. Es gibt keine Aussicht auf Besserung in keinerlei Hinsicht, nur Niedergang. Jeden Tag ein Stückchen mehr.

Um mich herum bekommen die Menschen neue Jobs, neue Kinder, neue Partner. Bei mir herrscht Stillstand. Die Krankheit ist wie eine Falle, aus der es keinen Ausweg gibt. Nicht für den Kranken und noch weniger für den Partner. Selbst eine Scheidung wäre kein echter Ausweg, denn er müsste ja doch bei mir bleiben. Wo soll er auch hin? Geld für eine eigene Wohnung hat er nicht. Ich werde mich weiter um ihn kümmern müssen – egal ob mit oder ohne Ehering. Und wenn ich noch länger warte, wird es sowieso keine Scheidung mehr geben können. Ab einem bestimmten Demenz-Grad kann man die Ehe nicht mehr auflösen, weil der Partner nicht mehr geschäftsfähig ist. So oder so, uns kann tatsächlich nur der Tod scheiden. Und das wird er auch. Die Frage ist nur: wann? Bis zu diesem unbekannten Zeitpunkt steht mein Leben still.

Dieses grässliche Gefühl keine Wahl zu haben. Verdammt, es ist doch mein Leben!

2 Gedanken zu “Bis dass der Tod

  1. I am so sorry you are struggling. I try to remember that none of us are guaranteed anything. Except taxes and death! This life with dementia is not one anyone would willingly choose, but it my life now. It has shown me my strengths and can also show me my weaknesses. I am too young and curious to sit down and die. I use my voice, to bring awareness and understanding to this insidious disease. I make quality time with my family, because I am not guaranteed how long any of us have together. Not unlike you, I write, so that others may find connection and validation in their own experience. May peace surround you.

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  2. Thank you so much, Susan. Your work and your life is precious inspiration for me. It’s really hard for me
    to get used to this new life. But at least it is a life. And you’re so right, nothing in this world ist save, nothing is garanteed for nobody. You just won’t realize it when you live in health, wealth and peace. Hugs

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